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Das Konzept Emma Peel

Lars Baumgart: Das Konzept Emma Peel. Der unerwartete Charme der Emanzipation: »The Avengers« und ihr Publikum. Kiel 2002. Ludwig Verlag. 181 Seiten. 19,90 Euro.

Dieses obskure Objekt der Begierde

Von Daniel Bickermann Einmal im Monat spielen sich in Frankfurt am Main skurrile Szenen ab: Da trifft sich ein buntes Häuflein Menschen aller Alters- und Gesellschaftsklassen in einem gar nicht mal so kleinen Independentkino und schaut sich Folgen der Kultserie Mit Schirm, Charme und Melone an. Sicher, auch andere Fernsehserien haben eine treue Anhängerschaft, und das gute Dutzend deutscher Fanclubs der Avengers, wie das Format im Original hieß, ist auch nicht unbedingt ein Rekord. Aber es bedarf schon einer besonderen Besessenheit, um sich heute, über 40 Jahre und unzählige TV-Wiederholungen nach Ausstrahlung der ersten Folgen später, zahlenderweise in ein Kino zu setzen und die meist schon mehrfach gesehenen Episoden als DVD-Projektion mit einleitendem Kommentar und anschließender Diskussion bei Kaffee und Kuchen zu genießen. Das hat nichts mit frivolen Ally McBeal-Singlepartys in angesagten Cocktail-Lounges zu tun und nichts mit drogenschwangeren Die Zwei-Fernsehmarathons in den Studentenwohnheimen – diese Veranstaltung gleicht eher einer liebevollen Weinverköstigung unter Kennern.

Lars Baumgart hat diese im London der Swinging Sixties erdachten und im superbiederen Deutschland kurz darauf ausgestrahlten Serie einer gründlichen Analyse unterzogen und stößt dabei auf einige Überraschungen. Denn daß aus der Serie ein solches Kultphänomen wurde, verwundert in mancherlei Hinsicht. Zum Beispiel ist Mit Schirm, Charme und Melone hierzulande auch nach dutzenden TV-Wiederholungen noch immer nicht vollständig erschlossen: Vom ZDF wurde seinerzeit jede dritte Folge nicht ausgestrahlt (deutsche Zeitungen mutmaßten damals, jene Folgen könnten den TV-Stationen »zu sadistisch«, »zu versponnen« und vermutlich auch »zu sexy« sein – vermutlich eine Kombination aus allen dreien), und die drei Staffeln der Serie vor dem Beitritt Emma Peels sind in Deutschland ebenso unbekannt wie die beiden nach deren Ausscheiden, in denen dann Cathy Gale und Tara King als Ersatz eingeführt wurden. Insofern ist es wohl nur konsequent, daß sich auch Baumgart auf die beiden Emma-Peel-Staffeln konzentriert, diese aber durchaus in den Kontext der Gesamtserie stellt.

Aber natürlich verortet auch Baumgart das Innovations- und Publikumspotential der Serie, wie der Titel schon nahelegt, in der Figur Emma Peel: Durch die Einhaltung traditioneller, manchmal nachgerade vorhersagbarer narrativer Schemata konnte Mit Schirm, Charme und Melone bei den exzentrischen Figuren, dem ironischen Inszenierungsstil und dem psychedelischen Design umso mehr Neuland erschließen. So schlossen jene immer wiederkehrenden Handlungsvorgaben selbstverständlich perfide Mordpläne gegen die Hauptfiguren ein, was der Serie Gelegenheit gab, in einige geächtete sexuelle Randbezirke vorzudringen: Die im hautengen Lederanzug steckende Peel wurde mit einem eisernen Keuschheitsgürtel an die Wand gekettet, an einen Pranger gestellt, auf Metalltische gefesselt, ein keuchender Fußfetischist durfte einen Gipsabdruck ihrer zarten Zehen nehmen, und zum sprichwörtlichen Höhepunkt der Serie, hierzulande dank der Zensur eine Raritäten-Szene, wurde Peel in einer Lack-Corsage ordentlich ausgepeitscht. Kurz: All die subkulturellen Sexposen, die Betty Page in den 1950ern zur Schock-Königin gemacht hatten, wurden Mitte der 1960er von Emma Peel mitten in den Mainstream und endlich auch ins deutsche Abendprogramm transportiert.

Und doch analysiert Baumgart völlig korrekt, daß Peel mehr war als nur Fetisch-Lustobjekt. In vielerlei Hinsicht war sie die Inkarnation eines neuen Frauenbilds, das unter dem Begriff der »Emmanzipation« gar eine eigene Feminismus-Unterkategorie bildete: In Gestalt der Emma Peel trat eine Überfrau zutage, die neben Fechten, Karate und Verbrecherjagd auch Motoren reparieren konnte, Malerei betrieb, renommierte physikalische Forschungspapiere veröffentlichte und gelegentlich bildhauert. Die liebevolle Zuordnung immer neuer Fähigkeiten der talentierten Mrs. Peel wurde schließlich auf die Spitze getrieben, als ein Computer, die ihre Intelligenz berechnen sollte, zusammenbricht, da ihre Klugheit »die Rechenkapazität übersteigt«.

Mit viel Takt und unter dankenswerter Umschiffung aller Fallstricke der feministischen Filmwissenschaft arbeitet Baumgart heraus, wie Peel dabei alle Rollenklischees zugunsten einer perfekten Symbiose transzendiert: Ihr Kampfstil war »unweiblich«, trotzdem konnte sie auch stets aus einer Machtposition heraus ihre weibliche Erotik einsetzen. Dies geschieht nicht nur gegenüber den absurden Superschurken der Serie, sondern bei den ebenso unablässigen wie offensichtlichen Anspielungen auf eine sexuelle Beziehung zwischen den Hauptfiguren. Daß Mrs. Peel dabei verheiratet ist, wenn auch mit einem jahrelang verdächtig abwesenden Ehemann, der die Unabhängigkeit dieser Frau niemals in Frage stellt, scheint die beiden (oder die Zuschauer) dabei ebensowenig zu stören wie das neuartige Geschlechterverständnis der beiden: Die Szene, in der Emma Peel einen distinguiert mit im Boot sitzenden John Steed über einen See rudert, ist bezeichnend für die kuriose Rollenverteilung der Serie.

Aus hunderten solcher interessanten Beobachtungen destilliert Baumgart ein ebenso unterhaltsames wie informatives Buch, das mit spürbarem Fan-Herzen geschrieben wurde und seine akademischen Wurzeln zugunsten eines flüssigen Lesevergnügens weit hinter sich gelassen hat – einzig die winzigen und äußerst dünnspaltig gedruckten Endnoten sorgen für ein bißchen Stirnrunzeln. Im Zuge dessen erlaubt sich der Autor auch die eine oder andere Abweichung vom Thema, wo ihm eine Analyse der psychedelischen Inneneinrichtungen der Serie, der exzentrischen Nebenfiguren oder der Frage nach Realismus oder Futurismus der Serie erwähnenswert erscheinen. Diese Umwege sind meist gelungen (obwohl er sich den Streifzug durch die Weiblichkeitsdarstellungen in ausgewählten Serien der 1960er Jahre vielleicht hätte sparen können, der ihn allzuweit von der Serie wegträgt), ebenso wie die oft mutigen Interpretationen, wenn der Autor beispielsweise den mehrmaligen Versuchen der männlichen Erzverbrecher, Emma Peel ganz persönlich zu vernichten, als gesellschaftliche »Konterrevolution« gegen das von ihr vorgelebte Frauenbild deutet. Die unbestreitbaren gesellschaftlichen Nachwirkungen der »Emmanzipation«, die Baumgart schlüssig aufzeigt, und die bis heute anhaltende Liebe zum »Konzept Emma Peel«, das man zwischen den Zeilen dieses Buchs genauso beobachten kann wie allmonatlich in den Liebhabertreffen in Frankfurt am Main, zeigt, wie sehr Mrs. Peel hierzulande tatsächlich gebraucht wurde und noch gebraucht wird. 2008-11-07 15:39

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