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Mythen – Mütter – Maschinen

Eckhard Pabst (Hg.): Mythen - Mütter - Maschinen. Das Universum des James Cameron. Kiel 2005. Ludwig Verlag. 318 Seiten. 24,90 Euro.

Eine Welt ohne Schmerz ist eine Welt ohne Gefühl

Von Martin Thomson Um gelungene von mißlungenen Actionfilmen zu unterscheiden, genügt meist ein sensibles Gehör. Wie in einem gelungenen Actionfilm Knochen brechen, Kugeln in Körper eindringen, von welchen verbalen Ausstößen der Todeskampf einer Figur begleitet wird, daran läßt sich meist auch die Ernsthaftigkeit ablesen, die ein Regisseur seinem Sujet entgegenbringt. Anders verfahren durchschnittliche Regisseure in mißlungenen Produktionen, wenn Schläge eher dumpf, Schußgeräusche auf einen simplen Knall beschränkt bleiben und sich Todeslaute auf einen monotonen Aufschrei der Figuren reduzieren.

Das von Eckhard Pabst herausgegebene und aus zahlreichen Texten von arrivierten Film- und Medienwissenschaftlern zusammengetragene Werk »Mythen Mütter Maschinen« beschäftigt sich mit dem Werk eines Regisseurs, der sich wohl eindeutig der ersten Kategorie zuordnen läßt. Wie kaum einem Zweiten, gelingt es Cameron mit seinen aufwendigen Produktionen, das Action- und Science-Fiction-Kino der oberflächlichen Schauwerte zu überwinden. Cameron-Filme sind deswegen so ungeheuer mitreißend, weil sie mehr noch als das Maximum gegenwärtiger technischer Produktionsmöglichkeiten auszuschöpfen, sondern es auch immer wieder zu sprengen wissen.

»In den Filmen von James Cameron«, so Pabst im Vorwort des Buchs, »geht es um viel – nicht selten gar um den Fortbestand der Welt.« Übertragen auf James Cameron in persona, der hier bewußt als Auteur begriffen wird, weil er jedes nur erdenkliche Metier seiner Produktionen mit akribischem Eifer überwacht, ließe sich denn auch sagen, es ginge ihm auch um den Fortbestand des Kinos an sich. Cameron begreift sein Medium im Sinne von Adorno als etwas, das in seinem verfälschenden Charakter erst das Bild des Lebens generiert. Das Defizitäre in seinen Bildwelten ist seine einzige Wahrheit. Der Hubschrauberpilot in Terminator 2 – Judgement Day, der sich in der metallischen Gestalt des T-1000 widerspiegelt, wirft auf, was jedem seiner Filme zu eigen ist. Das digitale Bild als kommunizierender Anderer bringt Camerons zentrale Fragestellung auf den Punkt, wie sich das Individuum innerhalb einer technisierten und entfremdeten Industriegesellschaft zu verhalten hat.

Der Regisseur läßt sich dabei einerseits als Zivilisationskritiker betrachten, andererseits jedoch als einer, der, wie Hans Heydebeck feststellt, das Medium bzw. das Bild an sich als Instanz der moralischen Bewußtwerdung des Individuums im Angesicht seiner Entfremdung begreift. Das Kino ist für Cameron kein Ort der Zerstreuung, sondern Ort eines neuen Realismus. Gleichsam ein Ort, in dem christlich fundierte Motive wie Messianismus und Wiedergeburt als Zwangsläufigkeit zur Bewahrung von Wertmaßstäben proklamiert werden und konkrete Folie für seine universellen Schicksals- und Menschheitsanalogien bilden.

Der im Band enthaltene Aufsatz von Jens Schröter akzentuiert – was ebenfalls an Adorno erinnert, der Kunst in die Verantwortung nahm – die Dissonanz einer kapitalistischen Ordnung abbilden zu müssen. Ob nun der T-1000 als Personifikation des Endpunkts der kapitalistischen Entwicklungslinie, an dem sich manifestiert, was Marx als flüssiges Übergehen des Werts aus einer Form in eine andere bezeichnet, oder die sarkastische Feststellung Ripleys in Aliens angesichts der Bedrohung eines gesichtslosen Industriekonglomerats aus Wirtschaft und Militär, die Spezies der Menschen würde sich wohl kaum für eine Prämie gegenseitig ans Messer liefern: Cameron geht in seinen Filmen immer auf radikalste Weise bis an die Grenzen der körperlichen Beschaffenheit seiner Protagonistinnen und Protagonisten, um die Auswirkungen der physischen Dekonstruktion durch die Gewalttätigkeit des Kapitals aufzuzeigen.

Neben der Fokussierung auf die mythischen und technologiekritischen Diskurse in James Camerons Filmen, greifen die Autorinnen und Autoren darüber hinaus seinen immer wieder auffälligen Hang zu starken Frauenfiguren auf. Mutterschaft und Emanzipation stehen vor allem im Mittelpunkt der Ausführungen von Kai U. Jürgens. Der Kanadier, so wird im Text deutlich, betrachtet die Befreiung der Frau aus den Fesseln einer genuin männlich dominierten Gesellschaft dabei als eingängiges Synonym für sein grundsätzliches Anliegen, dem Individuum mittels seiner Erzählungen den Weg aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit aufzuzeigen.

Cameron rettet vielleicht mit jedem seiner Filme nicht nur das Kino, er verdeutlicht und legitimiert anhand der beeindruckenden Instrumentalisierung seiner Möglichkeiten, daß neue Technologien ausschließlich in der Selbstreflexion ihrer Nutzerinnen und Nutzer als autonome Wesen zum Einsatz gebracht werden dürfen. Camerons Schaffen selbst beweist, daß sich jene im Prozeß ihrer künstlerischen Selbstbefragung als am ungefährlichsten erweisen, um zugleich weiter vorangetrieben werden zu können. 2008-10-29 10:52

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