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Nahaufnahme Michael Haneke

Thomas Assheuer (Hg.): Nahaufnahme Michael Haneke. Gespräche mit Thomas Assheuer. Berlin 2008. Alexander Verlag. 184 Seiten. 12,90 Euro.

Wer hat Angst vor Michael Haneke…?

Von Cornelis Hähnel Für das Frühjahr 2009 wird Hanekes neues Drama Das weiße Band erwartet. Erstmalig begibt er sich für einen Film in historische Gefilde: Als Handlungsort der Geschichte dient ein kleines Dorf im Norden Deutschlands am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Dies ist insofern ein Novum, als daß Haneke bislang zeitliche und örtliche Konkretisierungen vermieden hat, um so eine direkte Verbindung zur Lebenswelt des Zuschauers herstellen zu können. Gerade durch die angestrebte Dialogfähigkeit des Kunstprodukts wird Michael Haneke häufig für die Rolle des großen Moralisten im europäischen Autorenkino bemüht, denn seine Filme gelten ob ihrer emotionalen Intensität als schwer erträglich. Dabei liegt das weniger an deren Thematik als vielmehr an der spezifischen kinematographischen Handschrift Hanekes. Der österreichische Regisseur und Drehbuchautor sieht seine Filme als eine Gegenbewegung zum konventionellen Kino, als eine Kritik an der medialen Zerstreuungsideologie. Mit seiner präzisen, fragmentarischen Narrationsästhetik versucht er, den Zuschauer zur »Selbständigkeit zu vergewaltigen«. Die Weigerung, psychologisierend zu erzählen, das Vermeiden von eindeutigen Interpretationsansätzen und das bewußte Aufzeigen von Leerstellen in den Biographien seiner Figuren fordern eine Positionierung des Konsumenten. Dieser Ansatz hat ihm häufig den Vorwurf eingebracht, von Zynismus, Arroganz und Pessimismus geprägte Filme zu schaffen, welche aber nur durch die radikale Aufforderung zur eigenen Aktivität und Reflexion diesen Eindruck erwecken.

Wie gut das Prinzip des Einbeziehens des Zuschauers noch immer funktioniert, zeigte sich bei seinem US-Remake seines ersten großen Erfolges Funny Games. Knapp elf Jahre nach der ersten Vorführung des Originals in Cannes, welche eine akustische Saalschlacht zwischen Befürwortern und Gegnern hervorgerufen haben soll, scheint das Erregungspotential des Films noch immer nicht gemindert zu sein: Die »New York Times« nannte den Film gar einen »bösartigen Angriff auf unschuldige Zuschauer«, und wahrscheinlich zeigt die erneute Kontroverse um Funny Games U.S., daß Hanekes Kritik an Gewaltdarstellung und -konsum im zeitgenössischen Kino noch lange nicht obsolet ist.

Die Beweggründe für die amerikanische Neuauflage, welche dieser Tage auf DVD erscheint, waren dabei weder geprägt vom Wunsch nach transatlantischem Ruhm noch finanziellem Interesse, sondern ganz simpel: Haneke wollte ein spezielles Publikum erreichen, die Gewaltkonsumenten. Von daher war der Schritt, direkt im Epizentrum der Action- und Thrillerproduktion – also in Hollywood – zu drehen und danach große Cineplexe zu bespielen, zwingend. Denn die US-Aversion gegen synchronisierte oder untertitelte Werke konnte nur so umgangen werden. Eine in ihrer Einfachheit bestechend logische Erklärung.

Der Alexander Verlag Berlin hat jetzt Gespräche von Michael Haneke mit Thomas Assheuer veröffentlicht. Entstanden ist ein umfassender Dialog über das Schaffen Hanekes, der mitunter, bedingt durch den Plural, einige Gedankensprünge bzw. Kausalitäten im Redefluß vermissen läßt. Dies ist aber nicht weiter störend, denn Michael Haneke überzeugt mit seiner Eloquenz und klaren und reflektierten Positionen und bereitwilliger Offenheit. Spätestens nach der Lektüre dieses Buches sollten sämtliche Vorwürfe der Misanthropie und der Arroganz ausgeräumt sein. Abgerundet wird die »Nahaufnahme« mit zwei Essays des Österreichers: zum einen die Liebeserklärung an Au hasard Balthazar, ein Film seines favorisierten Regisseurs Robert Bresson, und einem Vortrag über Gewalt und Medien. Ein erhellender Einblick in das Œuvre Hanekes, sowohl Liebhabern als auch Skeptikern ans Herz gelegt. 2008-10-20 11:35

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