— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Der Blick in den Psychopathen

Inga Golde: Der Blick in den Psychopathen. Struktur und Wandel im Hollywood-Psychothriller. Kiel 2002. Verlag Ludwig. 209 Seiten. 24,90 Euro.

Wissenschaft und Blutrausch

Von Ines Schneider Inga Golde legt in »Der Blick in den Psychopathen« den Schwerpunkt ihrer Untersuchung auf die Merkmale US-amerikanischer Psychothriller. Sie macht deutlich, wie sich die Präsentation einer Täterfigur in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Hannibal Lecter steht in Das Schweigen der Lämmer in anderer Weise in der filmischen Realität als es Norman Bates in Psycho tut oder Dr. Elliott in Dressed to Kill. Clarice Starling tritt dem Mörder anders gegenüber als Marion Crane oder Liz Blake. Der Zuschauer wiederum bringt jedem der drei Mörder andere Gefühle entgegen.

Die Autorin betrachtet in jedem Beispiel die filmische Umsetzung von drei Aspekten des Handlungsgefüges: Identität, Erotik und Beziehungen. Diese Begriffe, die im Mainstreamkino so oft auf Stereotypen, Liebschaften und Sex reduziert werden, obwohl sie so unendlich viele Formen annehmen können, sind angenehm breit definiert: Identität ist die sich immer wieder neu zusammenfügende Selbstwahrnehmung der Protagonisten, Erotik jede Art von Anziehung, die die Figur spürt oder ausübt, und eine Beziehung praktisch jeder Kontakt zu Mitmenschen.

Golde konzentriert sich auf die inhaltliche Ebene ihrer Beispiele. Was die technische Umsetzung betrifft, beschränkt sie sich weitgehend darauf, Kameraeinstellung, Raumaufteilung und Schnittechnik einiger Schlüsselszenen zu beschreiben, dies erfolgt jedoch konsequent bei jedem behandelten Film. Nur sehr kleine schwarzweiße Standfotos ergänzen die Erläuterung. Die schlechte Qualität dieser Bilder kann allerdings ihren eigenen Reiz entwickeln. So wird zum Beispiel bei den Betrachtungen zu Natural Born Killers ausnahmsweise auf die Vielfalt der Stile und vor allem auf die Fülle der Farben hingewiesen, doch sieht Woody Harrelson an keiner Stelle des Films so fies aus, wie in dem kleinen Kasten auf Seite 101 dieses Buches.

Die Entwicklung der als »Psychothriller« bezeichneten Filme war nach Inga Golde in den letzten Jahrzehnten nicht geradlinig, auch wenn man auf den ersten Blick nur eine konstante Steigerung zu immer bizarreren Mordserien erkennt. Die Autorin nimmt jedoch verschiedene Variationen der gängigen Motive wahr. In den 1960er Jahren wird der Ausbruch der Gewalt in der Regel durch Ereignisse in der Vergangenheit des Täters erklärt. Erst werden familiäre, Anfang der 1970er dann zunehmend soziale Umstände für die Entwicklung des Verbrechers verantwortlich gemacht. Sozialkritische Ansätze werden in den späten 1970ern auch im Verhalten der Verbrechensbekämpfer deutlich, die schließlich selbst zu kriminellen Mitteln greifen. In den 1980ern wird der Lebenslauf des Täters immer häufiger vernachlässigt. Die Gewalt steht als eigenständige Macht in der filmischen Welt und kann bekämpft, aber nicht besiegt werden. Das führt soweit, dasß es zu Beginn der 1990er Jahre zu Allianzen zwischen Tätern und Nichttätern kommt, manche davon werden bewußt und mit Berechnung eingegangen, andere sind Folge von Faszination oder Manipulation. Die Grenzen zwischen den beiden Figurenkonzepten, zwischen wahnhaftem und gesundem Verhalten, verwischen immer stärker. Der staatliche Ermittler leidet selbst unter unbewältigten Traumata, der brave Familienvater ist nicht so unschuldig wie man meint, und der unbescholtene Bürger entdeckt, daß er sich erst beim Töten richtig lebendig fühlt.

Inga Golde versucht nicht, den Zustand einer Gesellschaft zu definieren, die solche Filme hervorbringt, vermarktet und konsumiert. Sie macht es nicht zu ihrer Aufgabe, die Wechselwirkung zwischen Medien, Medienmachern und Rezipienten zu klären. Sie erläutert lediglich die Wandlung, die eines der blutigsten Genres der Filmindustrie durchmacht.

Ein großer Verdienst dieser Studie besteht darin, aufzuzeigen, wie selbstverständlich in US-amerikanischen Produktionen die größte Brutalität inszeniert wird. Die Gewalt kann als visuelle Attraktion und Höhepunkt des Plots nicht ausgespart werden, sie wird jedoch in vielen Fällen mit einem ideellen Überbau versehen, der sie rechtfertigt. Die Gegenwehr der als Opfer etablierten Figur fällt häufig ähnlich drastisch aus, wie die Gewaltexzesse der Täter, dennoch werden deren Maßnahmen in den meisten Fällen als legitim dargestellt. Die Verteidigung von Familie, Liebesbeziehung oder Freundschaft gilt in diesen Filmen als verständliche Reaktion, wenn sie an die Opferfigur gekoppelt ist, aber als pathologisches Fehlverhalten, wenn sie von der Täterfigur ausgeht. Dieses schlichte Prinzip wird kaum durchbrochen, auch wenn der Gegenspieler des Psychopathen noch so viele krankhafte Seiten an sich selbst entdecken mag.

Inga Golde verwendet zur Beschreibung dieser emotionsgeladenen Kunstform eine stark abstrahierende Sprache, die es oft schwer macht, ihren Gedankengängen zu folgen. Ihre Vorgehensweise ist nachvollziehbar. Es handelt sich bei dieser Untersuchung um eine wissenschaftliche Arbeit, warum soll sie sich also nicht einer wissenschaftlichen Sprache bedienen? Dazu ist sie sich sehr wohl bewußt, was für populär-psychologische Verknappungen und Mißverständnisse die Handlungsmuster des Genres bestimmen. Was da als wissenschaftliche Erkenntnis eingeführt wird, hat oft mit der modernen Erforschung psychopathischen Verhaltens so gut wie nichts zu tun, muß aber als Erklärung für die schlimmsten Verbrechen herhalten. Golde verzichtet in ihren Ausführungen nicht auf die Fachbegriffe der Medienwissenschaft und der Psychologie, um ihre Arbeit an keiner Stelle auf dieses Niveau sinken zu lassen und gesicherte Ergebnisse scharf gegen unreflektierte Schlagworte abzugrenzen.

Leider bleibt die Lektüre anstrengend. Wenn ein Ausdruck wie »der Thrill in der Person« mit den Worten »die Aufhebung der dominanten konfigurationskonstruierenden Opposition von Täter und Nicht-Täter (bzw. Opfer) und deren Verlagerung in die Vorstellung des Protagonisten« erklärt wird (S. 182), dann fragt sich selbst der lernwillige Filmwissenschaftler: »Hätte man das auch einfacher ausdrücken können?« Ja, hätte man. Zum Beispiel so: »Der Thrill in der Person bedeutet folglich, daß der Film die Konfliktsituation nicht als eine in der filmischen Realität bestehende Bedrohung ansieht, sondern sie einer Subjektivierung unterzieht.“ (S. 182). Das ist schon klarer, aber immer noch kein reines Lesevergnügen. 2008-10-15 15:46

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap