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Höllisches Kino

Wojciech Kuczok: Höllisches Kino. Über Pasolini und andere. Frankfurt am Man 2008. Suhrkamp. 138 Seiten. 9,00 Euro.

Fünfzehn Mal Hölle

Von Kristina Schilke Die Beschäftigung mit der menschlichen Hölle dauert Jahre. Einmal angefangen, einmal in das Gestrüpp von Untaten, von Menschen an Menschen begangen, gefallen, kann man sich schwer entwirren, und Wojciech Kuczok beschäftigt sich offiziell seit 2003 mit der menschlichen Hölle. Damals erschien in Polen, dem Heimatland des 1972 geborenen Schriftstellers und Filmkritikers, sein Debütroman »Gnoj«, auf Deutsch »Dreckskerl – eine Antibiografie«. Aus der noch anhaltenden Flut von Familienromanen hob sich dieses Buch grausam hervor: Der resignierte Künstler, der »alte K.«, lebt nach Kriegsende notgedrungen mit einer proletarischen Familie in einem Haus und schlägt, züchtigt, bestraft mit Peitsche den scheinbar schwächlichen Sohn, der die Geschichte aus der jetzigen Perspektive eines Erwachsenen erzählt. Der Autor erhielt dafür den wichtigsten polnischen Literaturpreis, Nike. In Deutschland und Nachbarländern wurde das Buch voller Begeisterung aufgenommen. Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau verglichen den ironischen Unterton des Romans mit den Werken Jean Pauls, die Neue Zürcher Zeitung lobte die »glasklare Sprache« und »feinnervige Gedankenführung«. Bei diesem verdienten Ruhm Kuczoks, der zurzeit als Doktorand für Filmwissenschaften an der Jagiellonen-Universität in Krakau arbeitet, und bei der gerechtfertigten Begeisterung für sein Erstlingswerk läßt sich nur mit unreinem Gewissen Schlechtes über seine neueste Publikation sagen, eine Essaysammlung, die hierzulande bei Suhrkamp erschienen ist. Doch leider ist das von Nöten.

Kuczok nähert sich in »Höllisches Kino – Über Pasolini und andere« mit fünfzehn Kapiteln dem Thema der filmischen Hölle, besser gesagt, der filmischen Darstellung von weltlicher Hölle wie Gewalt, Krankheit und Tod. Wer sich aufgrund des Titels freut auf Gedanken zu einem der wichtigsten Regisseure des 20. Jahrhunderts, Pier Paolo Pasolini, der wird enttäuscht. Pasolinis Die 120 Tage von Sodom wird nur zu Anfang, sozusagen als lockender Knochen, dem Leser hingeworfen. Zum Gefühl, neue Aspekte über filmische Extremsituationen zu erfahren, tragen auch erfolgreich die ersten Kapitel bei, unter anderem ein aufschlußreicher Text über das Phänomen der Pornographie. Im ersten Essay, »Höllisches Kino«, wird mit schlauen Querverweisen, wie z.B. auf die unerreichte Darstellung der Hölle im gleichnamigen Bild des mittelalterlichen Malers Hieronymus Bosch, die filmische Darstellung der Hölle diskutiert, die sich auch formal niederschlagen sollte. Ein Zitat von Pasolini aus dem Jahre 1975, seinem Todesjahr, erklärt das am besten: »Was die Künstler machen müssen – und die Kritiker verteidigen und alle Demokraten in einem entschlossenen Kampf von unten unterstützen müssen – sind Werke, die so extremistisch sind, daß sie selbst noch für die aufgeschlossensten Ansichten der neuen Macht(-haber) inakzeptabel sind.« Folglich werden im selben Kapitel als Exempel dieser Definition neben Die 120 Tage von Sodom auch Gaspar Noés Irréversible und Ulrich Seidls Hundstage präsentiert. Diese Filme kennt man, nicht einmal ein versierter Arthouse-Kinoliebhaber muß man sein, um von diesen Werken gehört zu haben. Unglücklicherweise kann man das vom Großteil der Filme, die im weiteren Verlauf behandelt werden, nicht sagen: Krzysztof Zanussis Das Leben als eine gesellschaftlich übertragene tödliche Krankheit, Spirale und Supplement, Andrzejs Zulawskis Blue Note, Marcin Koszalkas So einen schönen Sohn habe ich geboren… und Der Namenstag, Slawomir Fabickis Männersache. Doch warb dieses Buch nicht ausdrücklich mit dem Titel »Über Pasolini und andere«?

Nun ist es lächerlich, einem polnischen Kritiker vorzuwerfen, hauptsächlich über polnische Filme zu schreiben, von denen einige Kurzfilme sind und dementsprechend schwer zu beschaffen. Deshalb ist ein Blick auf die anderen Kapitel angebracht, die bekanntere Filme behandeln wie Michael Hanekes Die Klavierspielerin oder Mike Nichols’ The Wit. Doch auf neue, interessante Ansichten stößt man hier nicht, leider. Das Kapitel »Heimliche Begierden«, in dem Die Klavierspielerin in der Absenz von offen sexuellen Darstellungen positiv Hammermethoden wie Patrice Chéreaus Intimacy gegenübergestellt wird, gehört zu den schwächsten der Sammlung. Nichts anderes wird hier gemacht als eine sprachlich versierte Handlungszusammenfassung zu geben und Überlegungen zu Erika Kohuts Psyche anzustellen, bei denen jeder Kenner des Films sich enttäuscht zurückzieht, da er sie ohnehin schon selbst geführt hat.

Was die Sprache angeht, verbleibt man ratlos vor der stilistischen Inkonsequenz. Neben schräg poetischen Sätzen wie »Denn das Murmeltier ist ja ein Aristokrat und verachtet den Menschen, es frisst keinen Müll, macht einen großen Bogen um Touristenmeilen« tauchen Ausdrücke auf, die ganz und gar nicht in den teils akademischen Sprachduktus passen, wie »Amis« und »Schlampe«, wobei der Ausdruck »Amis« nicht einmal in einem ironischen Kontext verwendet wird. Wie soll man sich zurechtfinden in diesem sprachlichen Universum, das selbst nicht weiß, ob es nun eine Galaxie hat oder zwei? Neben prahlerisch wirkenden Lateinausdrücken wie »sub specie aeternitatis« oder »morbidetto« wirken andere Sätze ertränkt in altertümlichen Phrasen wie »gesegneten Leibes« oder »wie der Teufel das Weihwasser meiden«. Was sollen dann Wörter wie die schon erwähnten »Amis« und »Schlampe« in diesem Stil? Man weiß es nicht, und man weiß auch nicht, wozu Essays zu Filmen schreiben, wenn diese Essays zu neunzig Prozent den Inhalt der Filme wiedergeben, statt über sie zu sinnieren.

Negativ berührt auch die Tatsache, daß der Autor dem Film Striemen ein Kapitel gewidmet hat, obwohl dieser Film auf seinem Roman »Dreckskerl« basiert und er das Drehbuch dazu verfaßt hat. Selbstlob? Am Ende – denn dieses Kapitel steht neben einem sinnfreien, persönlichen Schreibtagebuch – am Ende des Buches beginnt man, an der Seriosität des Autors zu zweifeln, der das eigene Herzensprojekt besingt.

Natürlich gibt es auch Interessantes an Gedanken und Verweisen, wahre Worte sind in »Höllisches Kino« ebenso zu finden wie Filmtips, doch muß man leider suchen. Wer sich aber einwandfrei mit dem polnischen Undergroundkino auskennt, ist hier mehr als willkommen, er ist hier aufgehoben. Pasolini-Verehrer hingegen sollten sich nicht vom Titel täuschen lassen, sie werden enttäuscht. 2008-09-29 15:32

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