— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Bambi vs. Godzilla

David Mamet: Bambi vs. Godzilla. Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness. Berlin 2008. Alexander Verlag. 264 Seiten. 19,90 Euro.

Ein Schnipsel Weisheit

Von Werner Busch Bambi Meets Godzilla ist ein Animationsfilm von Marv Newland aus dem Jahre 1969 und dauert ziemlich genau 90 Sekunden. Während wir Bambi als Schwarzweißskizze beim Grasen in einigen wenigen Bewegungsanimationen zuschauen, läuft der Vorspann, der Marv Newland als Verantwortlichen in einer Reihe wichtiger Funktionen ausweist, wie etwa »Choreography«. Nach 60 Sekunden ist der Vorspann vorbei. In bester Terry Gilliam-Manier saust nun ein riesiger Echsenfuß senkrecht von oben herab und zerquetscht Bambi. »The End« und noch ein Dank an die Stadt Tokio. Film aus. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist die, ob es etwas bedeuten könnte, daß der Autor des Buches, welches seine titelgebende Metapher aus diesem kurzen Animationsfilm herleitet, den überschaubaren Inhalt des Films nicht korrekt wiedergeben kann.

Der betreffende Autor ist kein geringerer als David Mamet, der zweifach oscarnominierte Drehbuchautor von Filmen wie Wenn der Postmann zweimal klingelt, The Untouchables oder Wag the Dog. Darüberhinaus ist Mamet auch erfolgreicher Dramatiker, Schriftsteller und Regisseur, ein linker Intellektueller und nicht zuletzt »Insider« – wenn man so will – des Hollywood-Business. Beste Voraussetzungen also für ein großes Buch mit der ultimativen Abrechnung über all das, was das Hollywoodfilmgewerbe so verachtenswürdig macht. Von solchen Attributen ist das nun auf deutsch vorliegende »Bambi vs. Godzilla« leider aber sehr weit entfernt.

Das Hauptproblem hierbei ist der Umstand, daß es sich bei »Bambi vs. Godzilla« lediglich um eine Sammlung von Essays und Kolumnen handelt. Das Buch wird dadurch deutlich spürbar zu einem allzu bunten Flickenteppich aus verschiedensten Themen, Meinungen und Ideen. Auch wenn die einzelnen Texte im Buch zu Themengruppen wie »Genre«, »Technik« oder »Das Drehbuch« zusammengefügt wurden, bleiben es einzelne, kurze Texte, die in sich selbst bereits sehr sprunghaft sind. Das Buch verkommt somit zu einem bunten Sammelsurium, das in keiner der mannigfaltigen Richtungen, in die es stößt, ernste Wunden verursachen könnte.

Bis auf den Gedanken eines Unterdrückungsmechanismus, den Mamet als einen Hauptgrund für den Erfolg von Hollywoodblockbustern diagnostiziert, gibt es kaum übergreifende, fortgeführte Ideen. »Die schiere Leere dieser Filme wiegt uns in Sicherheit. Sie bestätigen dem Publikum die Existenz eines Unterdrückungsmechanismus und bieten kurzfristige Erleichterung in Form dieses Gedankens: […] Du bist Teil eines Landes und eines Systems, das imstande ist, zweihundert Millionen Dollar auf eineinhalb Stunden Müll zu verschwenden. Du musst einfach jemand sein.« Häufiger und deutlicher noch als hier, verbindet Mamet seine Kritik an Hollywood mit einer Kritik der aktuellen, amerikanischen Gesellschaft und mit der gegenwärtigen Innen- und Außenpolitik seines Landes. Vielleicht sind dies auch die besten Momente in »Bambi vs. Godzilla« – entscheidend ist allerdings, daß es lediglich kurze Momente sind und bleiben.

Daß die Lektüre dennoch durchgehend unterhaltsam ist, liegt an Mamets durchaus eigenem Schreibstil und Humor. Neben der erfrischenden Sprunghaftigkeit im Inhalt finden sich auch häufig zum Teil höchst obskure Metaphern und Verweise. Insbesondere letztere übertreten dabei fröhlich und stillschweigend immer wieder die Schwelle zum völligen Nonsens und schaffen so – sehr gekonnt – unterhaltsame Irritationsmomente in dem ansonsten sehr leichten und beschwingten Textfluß. Dennoch: Selbst wenn es kein Klischee wäre, daß Hollywoodproduzenten das Böse in Person sind, immer nur alles kaputtmachen, viel zu viel Geld für nichts bekommen und eigentlich ja überhaupt völlig unnütz sind, hätte man von Mamet mehr erwarten können als das Breittreten solcher Plattitüden. Dies und eine Vielzahl altväterlich wirkender Weisheiten zum Drehbuchschreiben und zur Filmregie sind ein besonderes Ärgernis bei »Bambi vs. Godzilla«. Hier scheint der Intellektuelle nicht aus seiner Haut gekommen zu sein, er bekennt: »Ich war immer ein begeisterter Anhänger der Filmweisheit, all dieser erprobten Schnipsel der Erfahrung, die von den klüger Gewordenen an den Neuling weitergegeben werden – die Weisheit der Alten, zu der ich nun selbst ein wenig beitragen möchte.« Die Drohung ist ernst gemeint. Für den Fall aber, daß tatsächlich jemand nur ein paar Schnipsel Weisheit sucht, ist er hier definitiv bestens aufgehoben. 2008-09-01 10:36

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap