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Mythos Nouvelle Vague

Simon Frisch: Mythos Nouvelle Vague. Wie das Kino in Frankreich neu erfunden wurde. Marburg 2007. Schüren Verlag. 320 Seiten. 29,90 Euro.

Neuerfindung ohne Schuldgefühle

Von Thomas Warnecke Nächstes Jahr wird sie 50 Jahre alt: die Nouvelle Vague, die bedeutendste Filmbewegung des 20. Jahrhunderts. Stimmt das? Die Rede vom Mythos im Titel von Simon Frischs Monographie – der ersten deutschsprachigen übrigens, wenn man von der von Norbert Grob 2006 herausgegebenen, eher kursorisch-essayistischen Aufsatzsammlung (siehe Schnitt Nr. 44) absieht – legt nahe, daß es da etwas zu entzaubern gibt. Andersherum sagt der Untertitel, daß das Kino neu erfunden wurde. Das will etwas heißen. Nach der Lektüre des Buches läßt sich sagen, daß die Nouvelle Vague ein bißchen entzaubert ist, wie Wissenschaft eben immer entzaubert. Wer sich aber von den »4.2.3.1«-mäßig durchnummerierten Kapiteln nicht abschrecken läßt, kann vor allem zusammengefaßt erfahren, wie Kino tatsächlich neu erfunden werden konnte. Genauer: wie das Kino wiedergeboren wurde. Mit einer kunsthistorischen Epochenbezeichnung kann man die Nouvelle Vague nämlich die Renaissance des Kinos nennen, wie Frisch das tut und vor allem gründlich belegt: Mit Truffaut, Godard, Chabrol etc. wurde sich das Kino seiner selbst bewußt. Z.B., indem bei den Cahiers du cinéma Filmtheorie und vor allem -kritik zum ersten Mal nicht mehr mit dem »schlechten Gewissen« betrieben wurden, das Kino von vermeintlich höherwertigen oder jedenfalls »formal« anderen Kunstformen unterscheiden zu müssen. Und Theorie und Praxis fanden Eingang in die Filme selbst – auch, weil es der Autorenpolitik (wie den Künstlern der Renaissance) um die Emanzipation vom Handwerklichen ging. Der Stand der Dinge im französischen Film der 1950er Jahre, die Kultur der Cinephilie und ihre Entstehung, theoretischer Überbau und Antworten auf die Frage, ob die Nouvelle Vague überhaupt eine Bewegung war oder nicht – das alles und noch viel mehr ist bei Frisch ausführlicher und besser nachzulesen. Dabei beschränkt sich der Autor auf den zeitlich engen Rahmen zwischen Truffauts epochemachendem Aufsatz »Eine gewisse Tendenz im französischen Kino« von 1954 bis zu ersten Auflösungserscheinungen nach 1960; die Filme selbst kommen nur am Rande vor (aber über die ist ja auch schon wirklich viel und Gutes veröffentlicht worden). Trotz des wissenschaftlichen Vorgehens macht das Buch auf diese Weise viel von der heute kaum mehr vorstellbaren Dynamik der Nouvelle Vague deutlich, und wegen des wissenschaftlichen Vorgehens kommt an Frischs Buch niemand, der sich mit der Nouvelle Vague beschäftigen will, vorbei. Übrigens sind auch viele, leider zu kleine, aber meistens aussagekräftige Bilder drin. 2008-07-07 11:58

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #51.

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