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Medien – Diskurse – Deutungen

Andreas R. Becker, Doreen Hartmann, Don Cecil Lorey, Andrea Nolte (Hg.): Medien – Diskurse – Deutungen. Marburg 2007. Schüren Verlag. 299 Seiten. 19,90 Euro.
Von Nicole Ribbecke Der Diskurs will als Infragestellung von Gültigkeitskriterien einen Konsens unter den Diskussionsteilnehmern herstellen. Jürgen Habermas bindet ihn in eine Theorie kommunikativen Handelns ein. Wenn Foucault den Diskurs als die Menschen bestimmend konstatiert, dient er laut Vilém Flusser dem Austausch bestehender sowie neuer Informationen, um diese zu synthetisieren. Gilt er ihm als dialogische Kommunikationsform, Habermas als Verhandlungsinstrument menschlichen Fortschritts, so stehen beide Ansätze doch ganz im Sinne des Film- und Fernsehwissenschaftlichen Kolloquiums, das seit 1987 alljährlich an wechselnden universitären Instituten stattfindet. Folglich trägt die Sammlung von Beiträgen dieser fachwissenschaftlichen Tagung den Diskurs als sinnstiftendes Element im Titel und somit dem sich wandelnden Selbstverständnis der sich immer mehr zur Pluralität bekennenden Disziplin Rechnung.

Nicht allein die versammelten Deutungen, auch die Schar der wissenschaftlichen Bereiche werden in diesem Sinne der wachsenden Anzahl medialer Vermittlungsmöglichkeiten gerecht. Filmästhetik, Medienpädagogik, Sozialisationstheorie, Ethnologie, Narratologie, Komparatistik, Serialität, Phänomenologie und Dekonstruktivismus bilden mit weiteren soziokulturellen Disziplinen eine Melange von Hypothesen, die sich mitnichten lediglich der Film- und Fernsehlandschaft verschreiben. Immer mehr drängen sich digitale Inszenierungen in das Medienangebot hinein, Konzeptionen von Wahrnehmung, die sich gegenüber dem Rezipienten als nicht minder instruktiv etablieren, als es die Bildfolgen vermögen, die dem Kolloquium ihren Namen gaben. Sie fordern ihre Stellung als Konstruktionen von Kultur, von Welt- und Selbstanschauung ein, anthropologisch und psychologisch verwertbar. Dies geschieht zuweilen an Altbekanntem: Hitchcock ist längst nicht aus dem zu rezipierenden Material verschwunden, Medienreflexivität im Horrorfilm, die Gender-Transposition, dokumentarische Methoden und Muster in verschiedenen seriellen Strukturen ebensowenig. Tanz und Ton als Träger narrativer Bedeutungen finden Erwähnung. Hinzu kommen Auseinandersetzungen mit Mixtapes, Videoclips oder den bereits erwähnten, digitalisierten Welten des Computerspiels und animierten Films, Auseinandersetzungen, die zu so wunderbar betitelten Aufsätzen führen wie »Wenn Elefanten träumen, bewegt sich was«. Sogar einem bisher nahezu unbeachteten Untersuchungsobjekt wie der Unschärfe wird Respekt gezollt. Vollständigkeit wird in keinem der teils in Arbeit befindlichen Projekte beansprucht, die dem geforderten interdisziplinären Austausch zu dienen wünschen. Dies entspräche auch kaum dem Begriff des Diskurses. 2008-06-30 13:56

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.

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