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Die Filmlegende Bernhard Wicki

Elisabeth Wicki-Endriss: Die Filmlegende Bernhard Wicki. Verstörung – und eine Art von Poesie. Berlin 2007. Henschel Verlag. 191 Seiten. 34,90 Euro.

Rückschläge und Meilensteine

Von Gerd Naumann Bernhard Wickis Die Brücke gilt zurecht als Meilenstein der bundesdeutschen Filmgeschichte. Der Erfolg des 1959 entstandenen Antikriegsfilmes war für den Regisseur jedoch Fluch und Segen zugleich. Während der enorme finanzielle und künstlerische Erfolg ihm Anerkennung brachte, verliefen die Produktionsgeschichten späterer Filme oft weitaus weniger zufriedenstellend.

Mit dem Buch »Die Filmlegende Bernhard Wicki« liegt eine ehrliche und authentische Werk- und Lebensschau vor. Seine zweite Frau Elisabeth Wicki-Endriss nähert sich als Autorin behutsam der Lebensgeschichte des großen Unbequemen. Mit viel Gefühl gelingt es ihr hier, zeitgenössisches Material, Briefe und Lebenserinnerungen zu einem homogenen Ganzen zusammenzufügen. Im Gegensatz zu vergleichbaren Büchern gelingt es dadurch, tatsächlich den Zugang zu einem teilweise in Vergessenheit geratenen Werk zu erleichtern. Vor allem die hervorragende und üppige Bilderauswahl setzt hier Akzente.

In relativ jungem Alter trifft ihn ein Schicksalsschlag – der junge Wicki wird im November 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen überführt. »Es sind die Dinge, die so schwer zu fassen und zu berichten sind«, schreibt er in einem Brief. Die dort gemachten Erfahrungen haben einen starken Einfluß auf den späteren Regisseur. »Ich bin kein guter Mensch, aber doch schwingt ein Unnennbares in mir, das wächst.« Seelische Umbrüche und die Transparentmachung menschlicher Emotionen werden von nun an einen großen Stellenwert in seiner Arbeit einnehmen.

Der junge Schauspieler begeistert sich später für die Fotographie, die er jedoch eher als zweitrangiges Medium ansieht. Während eines Aufenthalts im Ausland erhält er die Möglichkeit, als Regieassistent für Helmut Käutner zu arbeiten. Für diesen stand Wicki zuvor bereits als Darsteller vor der Kamera. Solcherart persönliche Wechselwirkungen sind bezeichnend für den späteren Lebensverlauf. Immer wieder übernimmt er Rollen für geschätzte und befreundete Regiekollegen.

Die eigene Karriere als Regisseur verläuft nicht immer in den gewünschten Bahnen. Dem Erfolg der Brücke folgt die finanziell weniger erfolgreiche Satire Das Wunder des Malachias. Dann kommt der Ruf aus Hollywood. Wicki übernimmt die Regie von großen Teilen des Prestigeprojektes Der längste Tag, einem epochalen Kriegsfilm mit entsprechendem Erfolg an den Kinokassen. Weitere Hollywood-Produktionen entstehen, doch ist er mit den einengenden Arbeitsbedingungen nicht einverstanden. Die Rückkehr nach Deutschland führt zunächst nicht zu den erhofften freien Arbeitsbedingungen. Verschiedene Filme werden nicht realisiert, und der 1967 entstandene Episodenfilm Der Paukenspieler findet wegen des Verleihkonkurses nie den Weg in die Kinos. Einen weiteren Rückschlag muß er mit dem kommerziellen Mißerfolg des eigenfinanzierten Die Eroberung der Zitadelle hinnehmen. Von nun an ist er besessen von der Idee, Joseph Roths literarisches Fragment Das Spinnennetz filmische Wirklichkeit werden zu lassen. Die Umsetzung dieser Vision beansprucht den Zeitraum von 1977 bis 1989 – dann aber wird Das Spinnennetz zu einem großen kommerziellen und künstlerischem Triumph. Zwischenzeitlich entsteht unter anderem Die Grünstein-Variante, eine auf Umwegen arrangierte Zusammenarbeit mit der DEFA.

Am Ende seines Lebens sagte Wicki von sich selber, daß er nicht das erreicht habe, was er eigentlich wollte. Er habe sich häufig selber im Wege gestanden, etwa durch eine unkommerzielle Themenauswahl. Viele seiner später produzierten Filme sind derzeit schwer zu bekommen, werden nicht oft gezeigt. Das vorliegende Buch zeigt wie schon der gleichnamige Dokumentarfilm Bernhard Wicki – Verstörung und eine Art von Poesie aus dem vergangenen Jahr anschaulich, daß eine neue Beschäftigung mit diesem Werk längst überfällig ist. Vor allem, weil dieses Buch eine ergreifende persönliche Note besitzt. Die zwischen den Zeilen immer wieder durchscheinende Bindung zwischen der Autorin und ihrem Mann macht »Verstörung und eine Art von Poesie« zu einem mustergültigen Filmbuch. 2008-05-19 12:47

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