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Scenario 2

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 2. Film- und Drehbuch-Almanach. Berlin 2008. Bertz + Fischer Verlag. 336 Seiten. 19,90 Euro.

Scenario mit Zukunft

Von Kyra Scheurer Bücher über das Drehbuchschreiben gibt es mehr als reichlich. Und doch machte bereits die erste Ausgabe des jährlich von Jochen Brunow herausgegebenen Drehbuch-Almanachs »Scenario« deutlich, warum gerade dieses umfangreiche Konvolut verschiedenster Texte rund um das Schreiben von Filmtexten noch in Bewußtsein und Bücherregal gebraucht wurde: Hier reflektieren Autoren für Autoren, schreiben Schreiber über ihre Kunst und ihr Handwerk, und der erklärte Anspruch liegt nicht im Dozieren, sondern ausdrücklich im Dialog. Dem internen Dialog einer Zunft, dem Dialog der Drehbuchautoren mit anderen filmischen Gewerken und nicht zuletzt dem intra- und intertextuellen Dialog verschiedener Beiträge der Scenario-Kompendien. Dieser Anspruch spiegelt sich auch in den festen Rubriken Werkstattgespräch, Essays, Journal, Backstory und Lesezeichen, die in der zweiten Ausgabe beibehalten und mit neuen Inhalten bespielt wurden. Und da der zweite Film angeblich immer der schwerste ist und der Druck, an einen Debüterfolg anzuknüpfen auch den Machern des »Scenario« nicht unbekannt ist, sei hier vorangestellt, daß die mit dem ersten Band gegebenen Versprechen im zweiten in Form von 17 abwechslungsreichen und anregenden Beiträgen eingelöst werden – und neugierig machen, welche Autoren und Themen die nächste Ausgabe prägen werden.

Doch zunächst Vorhang auf für »Scenario 2«: Das Werkstattgespräch, in dem diesmal Ruth Thoma Auskunft über ihre Geschichte und Geschichten gibt, kann leider nicht ganz das Niveau der Ausführungen von Wolfgang Kohlhaase im ersten Band halten. Auch die Essays sind deutlich divergenter als in Band 1, wo das interessante Feld »Literatur und Film« in verschiedenen Beiträgen schwerpunktmäßig ausgelotet wurde. In dieser Ausgabe thematisieren die Artikel dieser Rubrik so unterschiedliche Aspekte wie das Horrorgenre (Benjamin Hessler), das Filmische im japanischen Bildgedicht Haiku (Jochen Brunow) oder die besondere dramaturgische Konstruktion der Filme von Guillermo Arriaga und Alejandro Gonzáles Iñárritu (Lars Olav Beier). Gut lesbar und für den Moment interessant, fehlt diesen Texten letztlich die besondere Brisanz – aber hier kommen zwangsläufig persönliche thematische Vorlieben bei der Bewertung ins Spiel.

Deutlich interessanter und vielschichtiger ist allerdings das Journal, die Selbstauskunft eines Autoren in Tagebuchform, geraten: Christoph Fromm hatte für diesen Beitrag zugesagt bevor klar war, daß sein Drehbuch »Sierra« als bestes unverfilmtes Drehbuch 2007 mit der »Goldenen Lola« prämiert und somit traditionell im folgenden »Scenario« veröffentlicht würde. So ergibt sich hier nicht nur eine spannende Querverbindung von Werk und Wirkbericht, Fromm nutzt sein Journal auch für mutige filmpolitische Stellungnahmen und berichtet aus dem Alltag einer vielgestaltigen beruflichen Existenz als Autor von Film- und Prosatexten, aber auch als Kleinverleger unterwegs. In der Rubrik »Backstory – Geschichte des Drehbuchs« nutzt Gerhard Midding Knipens »The Schreiber Theory« als Sprungbrett in eine allgemeine Betrachtung der Autorentheorie. Für Autoren und Dramaturgen besonders interessant aber ist André Georgis ausführliches »Lesezeichen« zum Thema »Old School – New School«. Die vielschichtige Bestandsaufnahme gegenwärtiger amerikanischer Filmdramaturgie leistet weit mehr, als die dichotomen Ansätze Plot und Figur zu konfrontieren: Untiefen verschiedener dramaturgischer Modelle werden wie im Vorbeigehen ausgelotet, ein Gesamtkontext angenehm unangestrengt umrissen und einige neue Werkzeuge zu Genre und Figurgestaltung so kompetent und eloquent vorgestellt, daß man sofort die Originalbücher bestellen möchte.

Das Verbindende Element in »Scenario 2« aber ist ein sich durch alle Rubriken des Bandes ziehender Trauerflor: Michael Töteberg würdigt in seinem Essay Leben und Werk von Peter Märthesheimer, der Backstory-Beitrag von Thomas Knauf ist dem »fremden Freund« Ulrich Plenzdorf gewidmet, und Petra Lüschow nimmt ihre Rezension von »Script Development« zum Anlaß, facettenreich an Dagmar Benke zu erinnern. Diese drei beeindruckenden Persönlichkeiten haben allesamt als Autoren wie auch Dramaturgen die deutsch-deutsche Filmlandschaft maßgeblich geprägt und bereichert, und es ist schön, sie hier so versammelt in ihrem Wesen und Schaffen gesehen und gewürdigt zu finden. Der Dialog des »Scenario«, wünscht man sich angesichts seiner gelungenen zweiten Ausgabe, möge noch über viele Autorengenerationen und Almanach-Ausgaben hinweg gepflegt und befeuert werden. 2008-05-09 12:57

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