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Curd Jürgens

Hans-Peter Reichmann, Eleonore Emsbach, Thomas Worschech (Hrsg.): Curd Jürgens. Kinematograph Nr. 14. Berlin 2007. Henschel Verlag. 224 Seiten. 24,90 Euro.

Weltbürger des Films

Von Gerd Naumann Über Curd Jürgens, den einzigen dauerhaften deutschen Weltstar nach 1950, wurde viel geschrieben und berichtet. Schon zu Lebzeiten war er Lieblingsobjekt verschiedener Postillen und Klatschmagazine. Hinter der öffentlichen Berichterstattung verbarg sich aber ein anderer, wesentlich sensiblerer Mensch als überall angenommen. Das Deutsche Filminstitut hat nun in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filmmuseum ein hervorragendes Buch über den Darsteller von Weltruf veröffentlicht. Die wissenschaftliche Erschließung des Nachlasses förderte unter anderem eine Vielzahl persönlicher Briefe und Dokumente zutage. Darüberhinaus bietet die Publikation hervorragendes und sinnvoll ausgewähltes Bildmaterial.

Eine Reihe von Texten und Essays zu Jürgens behandeln auszugsweise wichtige Aspekte der Person. So werden unter anderem die Rolle des Schauspielers in der Boulevardpresse wie auch seine nationale und internationale Karriere beleuchtet. Schnell wird hierdurch verdeutlicht, daß Jürgens nicht so recht in das hiesige Restaurationsklima der 1950er Jahre passen wollte. Somit war der Gang ins Ausland ein nur konsequenter Schritt. Dabei verfestigt das Buch mehr und mehr ein bestimmtes Bild: Curd Jürgens als Weltbürger. Ein unbeugsamer und doch immer loyaler Mensch: Mit diesen Eigenschaften schien er für eine zeitgenössische Karriere prädestiniert. Gerade an diesem Punkt will das Buch jedoch den Zenit seiner künstlerischen Karriere festmachen. Ein Fehler, denn die künstlerische Bandbreite Curd Jürgens’ war wesentlich größer.

Wer je seinen Roman »Der süße Duft der Rebellion« gelesen hat, wird einen Menschen mit politischer Haltung erkennen. Einen anderen Jürgens werden auch Musikhörer kennen. Abseits des bekannten »60 Jahre und kein bißchen weise« erschließen sich dem Hörer dadurch ungeahnte und neue Zugänge zum Wesen des Charismatikers. Vor allem die kurz vor seinem Tode aufgenommene Platte »Waren das noch Zeiten« steht, ungeachtet des offensichtlichen Schlagersentiments, durchaus für die Lebensphilosophie des Schauspielers. Sein Beruf war für ihn harte Arbeit, was ihn von vielen damaligen Kollegen unterschied. Er arbeitete gerne und oft und war in der Wahl seiner Rollen manchesmal nicht ganz treffsicher. Oft aber war für ihn das mögliche Publikumsinteresse an solcherart Produktionen für die Entscheidung ausschlaggebend. So etwa übernahm er die Parts in den herrlichen Reeperbahnfilmen Rolf Olsens, weil sie für ihn »echte Volksstücke« waren.

Eine längst überfällige Neubewertung verdienen auch die späteren, im vorliegenden Buch leider vernachlässigten Filme aus den auslaufenden 1960er und frühen 1970er Jahren. Was für den akademischen Zuschauer schlicht dem Genre des »Exploitationkinos« zugehörig ist, erweist sich bei unvoreingenommener Betrachtung als pures, reines und vor allem sinnliches Kino. So einfach wie in einem Essay des Buches läßt sich ein Film wie Ulli Lommels Der zweite Frühling keineswegs als mißglückt abhandeln. Vielmehr zieht dieser 1975 in Italien entstandene Film seine besondere Intensität aus der Kollision der physischen Kraft Jürgens’ und dem erzählerischen Ton des Fassbinder-Schülers Lommel. Auch die 1971 gedrehte italienisch-spanische Koproduktion Bitterer Whisky ist zum einen ein typisches Produkt der Zeit, zum anderen aber flottes, unterhaltsames Genrekino. Es ist zu hoffen, daß beide Filme bald den Weg auf DVD finden werden!

Ein Essay des Buches stellt die These auf, daß Curd Jürgens früher mit dem Filmemachen hätte aufhören sollen. Mit dieser Meinung läßt sich nur bedingt konform gehen, denn gerade die späten Filme prägten das bis heute noch bekannte Jürgens-Bild. Abgesehen von diesem streitbaren Punkt bietet das Buch eine Fülle an biographischen Fakten, sorgsam geschriebenen Essays und eine erfreulich detaillierte Auflistung der Theater- und Filmrollen. Somit ist das Buch nicht nur eine klare Empfehlung für Liebhaber des Schauspielers, sondern auch für jeden, der sich für Kino und zeitgenössische Biographien interessiert. 2008-05-05 11:06

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