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Zeichen und Wunder

Josef Schnelle, Rüdiger Suchsland: Zeichen und Wunder. Das Kino von Zhang Yimou und Wong Kar-Wai. Marburg 2008. Schüren Verlag. 208 Seiten. 19,90 Euro.

Vermeintliche Gegenpole

Von Daniel Bickermann Elegant, elegant. Man schlägt diese »Doppelmonographie« über Zhang Yimou und Wong Kar-wai auf, schon ein wenig skeptisch, wie diese beiden so konträren Filmemacher wohl unter demselben Buchdeckel vereint werden sollen – und dann beginnt die Einleitung mit einer Erklärung des chinesischen Prinzips der vermeintlichen Gegenpole, die Teil eines Ganzen sind. Zhang und Wong als Yin und Yang, als Unvereinbare, die untrennbar sind? Respekt, meine Herren, eine solche Punktlandung auf den ersten Seiten zerstreut nicht nur anfängliche Zweifel, sondern gibt auch eine gewagte Linie vor, der man gespannt folgt.

Und die Kür fällt noch faszinierender aus als die Pflicht: Das Buch will mehr als nur eine Übersicht über zwei moderne Filmemacher geben. Zahlreiche weitere chinesische Regisseure der Gegenwart werden ebenso angesprochen wie die anhaltenden Schwierigkeiten, Filme an der Zensur vorbei auf internationale Festivals zu bringen. In den sehr unterschiedlichen Werdegängen des Hongkongchinesen Wong und des »Mainland«-Bewohners Zhang wird das gesamte Spektrum chinesischer Filmpolitik gespiegelt, wobei Schnelle und Suchsland teilweise bis in die Stummfilmzeit zurückblicken, um aktuelle Entwicklungen zu erklären. Über beinahe hundert Seiten findet der interessierte Leser so einen erstaunlich umfassenden, wenn auch manchmal nachlässig lektorierten, Überblick über Genre- und Produktionsgeschichte des chinesischen Kinos, bevor die beiden Filmemacher dann doch auch textlich getrennt werden und sich die -Kapitel im losen Wechsel untereinander aufteilen.

So umfassend der vorangehende Überblick geraten ist, so detailverliebt stürzen sich die Autoren dann auf die Einzelaspekte der untersuchten Filmwerke. In Interpretationen, die sich bis zu Sequenz- und Einstellungsanalyse verästeln, spürt man einzelnen Motiven, Kollaborateuren und Merkmalen der Filmemacher nach. Das wird gegen Ende des Buches ein wenig beliebig und episodenhaft, wenn auf die Porträts von Kameramann Doyle und wiederkehrender Schauspieler noch ein Überblick über andere Hongkong-Stars folgen, die nur minimalen Bezug zum Thema haben, und abschließend eine ausführliche Einzelbesprechung des neuen Wong Kar-wai-Films My Blueberry Nights angehängt ist, aber das kann das Lesevergnügen an diesem letztlich erstaunlich dichten und thematisch weitläufigen Band nicht schmälern. 2008-04-07 10:11

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.

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