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Nekromantik

Jörg Buttgereit (Hg.): Nekromantik. Berlin 2007. Martin Schmitz Verlag. 232 Seiten. 17,80 Euro.

Die deutsche Nekromantik

Von Ekaterina Vassilieva Der Band »Nekromantik« konfrontiert uns mit Grenzüberschreitungen, noch bevor wir überhaupt beginnen, seinen Inhalt zur Kenntnis zu nehmen. Allein die Umschlagbilder, die die berühmt-berüchtigten Nekromantik-Filmplakate zitieren, verstoßen ganz vehement gegen die Regeln des guten Geschmacks und würden es dem Leser schwer machen, das Buch einfach in der Straßenbahn aufzuklappen. Einen gewissen Grenzgang stellt auch die Tatsache dar, daß der Urheber der beiden Nekromantik-Filme Jörg Buttgereit hier gleichzeitig als Herausgeber auftritt, was ihn a priori in ein Autoritätsverhältnis zu seinen eigenen Analytikern bringt. Und schließlich ist das Buch »beidseitig« lesbar: Je nachdem, wie man es dreht, kann man sich in die deutsche oder englische Textversion vertiefen, was freilich nicht nur eine nette Spielerei ist, sondern ein Zeichen für die internationale Ausrichtung des Projekts und den deutschsprachigen Raum weit übergreifenden Erfolg von Buttgereits Produktionen.

Die fortschreitende Lektüre überzeugt, daß auch im Aufbau des Sammelbandes genauso wenig Rücksicht auf das »Reinheitsgebot« genommen wurde: journalistische Texte, Zeitzeugenberichte, wissenschaftliche Abhandlungen - all diese Genres sind in »Nekromantik« gleichberechtigt vertreten. Trotz der Vielfalt der methodischen Ansätze zeichnen sich alle Autoren durch den liebevollen Umgang mit den Leichen, die Buttgereit auf die Leinwand geholt hat, und hauchen ihnen durch die Interpretationen und Erklärungen buchstäblich neues Leben ein, wobei diese auch an sich noch recht lebendig und frisch wirken. Ganz besonders spannend ist der Text von Johannes Schönherr geraten, der über seine eigenen Erfahrungen als Totengräber in Leipzig zu DDR-Zeiten berichtet und aus seiner Faszination für den (echten) Tod keinen Hehl macht. Sein Versuch, die ästhetischen Phänomene mit Hilfe der realen Erlebnisse zu reflektieren (und natürlich auch umgekehrt), eröffnet eine ungewöhnliche und verstörende Perspektive auf Buttgereits Schaffen, das plötzlich mehr Verbindungen zur alltäglichen Lebens- bzw. Todespraxis aufweist als einer zu vermuten wagte.

Die anderen Autoren konzentrieren sich hauptsächlich auf die metaphorische Dimension von Nekromantik und betonen vor allem die symbolischen Bezüge zur historischen Situation im geteilten Deutschland und speziell im Westberlin, einer »Inselstadt«, die alle Widersprüche und Ängste der Epoche in sich aufgesogen hat, sich aber laut Marcus Stiglegger auch als eine kreative Oase mit besonderer Schaffensfreiheit behaupten konnte. Nichtsdestotrotz bleibt das Bild von Berlin auch in Nekromantik 2, der bereits nach der Wiedervereinigung gedreht wurde, unwirtlich und durch Entfremdung gekennzeichnet. Wie seine Protagonisten, die die Leichen nicht ruhen lassen können, bringt Buttgereit das Verdrängte wieder ans Tageslicht und scheut dabei keinesfalls die direkten oder metaphorischen Querverweise auf die mit Tabu belegten Kapitel der deutschen Geschichte. Die Artikel von Dietrich Kuhlbrodt und Linnie Blake betrachten den Nekromantik-Zweiteiler im Kontext der anderen Werke des Regisseurs und stellen unter anderem die genealogischen Verbindungen zu dem Film Blutige Exzesse im Führerbunker fest, der die Nazi-Mythologie erfolgreich exhumiert. Das penetrante Zelebrieren des Todes und der Verwesung gerät somit zum Protest gegen die totalitären Autoritäten und führt uns die Kehrseite ihrer Ideologien vor. In diesem Kontext verweist Blake auch auf die optische Ähnlichkeit zwischen dem Totschläger aus Nekromantik und dem realen Vater von Buttgereit, der im experimentellen Film Mein Papi in dokumentarischer Manier mit einer Super8-Kamera festgehalten wird. Die Abrechnung mit der deutschen und der eigenen (Familien-)Geschichte erfolgt also parallel und hat den gleichen makabren Beigeschmack.

Der Sammelband wird vor allem diejenigen Nekromantik-Fans begeistern, die keine Angst haben, daß ihr Lieblingsfilm durch die eingehenden Analysen und Kommentare eine Entzauberung erfährt. Dafür werden sie mit spannenden Denkanstößen belohnt und geben dem Film eine Chance, sie erneut zu verzaubern – diesmal vielleicht auf einer anderen Ebene. 2008-03-20 13:14

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