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Cumshots

Manuel Grebing, Stephan Scheler: Cumhots. Höhepunkte der deutschen Pornofilme. Kronberg/Ts 2007. Metronom Verlag. 298 Seiten. 19,90 Euro.

Das traurige Kuriositätenkabinett

Von Daniel Bickermann Die Deutschen reden zu wenig über Sex. Sicher, man pöbelt und posiert in Talk Shows oder diskutiert Jugendgefährdung im spätabendlichen Politikerzirkus. In der Sache dagegen geht es beinahe rückwärts: Längst vergessen scheinen die Diskussionen, die einst von den internationalen Sexualstudien aus den 1950ern und 1960ern ausgelöst wurden. Im Gegensatz zu Henry Miller ist beispielsweise selbst ein Houellebecq eher an Gesellschaftspolitik als an den Implikationen des konkreten Akts interessiert; auf der weiblichen Seite immerhin erinnert Charlotte Roche die Deutschen gerade an die so wichtigen literarischen Werke von Anais Nin und Erica Jong.

Auf den ersten Seiten des Buchs »Cumshots«, das über 400 Coverabbildungen historischer wie aktueller deutscher Pornoproduktionen zusammenträgt, folgt auch Stephan Scheeler mit seinem überaus lesenswerten Vorwort dieser wichtigen Tradition, die im deutschsprachigen Raum sonst eigentlich nur noch von Randpublikationen wie dem »Jungsheft« oder der »Splatting Image« gepflegt wird: Er denkt nach über Sex. Sex und Gesellschaft, Sex und Religion, sicher, aber auch die Fragen nach natürlichen und künstlichen Tabus, nach dem Ursprung des Fetischismus und den Auswirkungen der Massenkultur auf die sexuellen Gepflogenheiten kommen bei ihm auf und werden ebenso tabufrei wie wohldurchdacht behandelt.

Der Rest des Buches frönt dann schamlos der Schaulust, was ja erstmal nichts Schlechtes sein muß. Doch leider blättert man sich weniger durch das Sodom der nationalen Sexualität, sondern in erster Linie durch das Gomorrha der deutschen Bildbearbeitungskunst: Mit übelstem Photoshop-Halbwissen, knalligen Kalauern und teils selbstgebastelten Schriften wird hier derart tiefes Niveau gepflegt, daß schon nach wenigen Seiten ein kompletter Abstumpfungseffekt einsetzt. Dieser blockiert zwar jeden Versuch, sinnliche Freude aus den zahlreichen Abbildungen zu gewinnen, lenkt den Blick aber umso mehr auf die kleinen Details. Faszinierend beispielsweise die regionale Verbundenheit der Produkte: Erstaunlich oft findet sich noch auf den Covern ein Hinweis auf »Schweizer Drehorte«, das Appenzellerland oder die Lüneburger Heide. Wer hätte gedacht, daß der Erwähnung von St. Gallen oder Dresden so stimulierende Wirkung auf die potentiellen Käufer zugetraut wird?

Wahrer Augenschmaus lauert hier aber leider nur in versteckten Zwischenräumen und läuft Gefahr, überblättert zu werden. Erotische Designklassiker wie die Frau mit Augenbinde im Plakatmotiv von Die Geschichte der O, die ornamentale Titelmalerei zu Jean Rollins Das Lustschloß der grausamen Vampire oder die furiosen Airbrush-Cover zu den Werken von Joe D’Amato, Tinto Brass oder Jess Franco wirken hier in ihrer eleganten Ernsthaftigkeit zwischen der Flut aktueller Stillosigkeiten einsam und fehl am Platz. Erholung findet das kunstbewußte Auge sonst nur in der Fetisch- und S/M-Sektion, aber warum dort eine scheinbar traditionell größere Könnerschaft in Symbolik und Ästhetisierung herrscht ist nur eine der vielen Fragen, die man sich noch behandelt gewünscht hätte.

Aber außer dem Zitat aus dem einen oder anderen Klappentext und einer sehr kurzen Einführung in die verschiedenen Kapitel wie »Landliebe« (Heimatfilmpornos) oder »Stoßgebete« (Nonnenpornos), bleibt leider jegliche textliche Begleitung aus. Somit vermißt man also auch die erhoffte Stilkritik, die zugunsten der schadenfrohen Zurschaustellung von graphischer und textlicher Absonderlichkeit auf der Strecke bleibt. Daher ist das Buch »Cumshots« in seiner drolligen Videokassettenhülle ein klassisches Herzeigebuch geworden, das unter Kollegen und Freunden zu einigen Tagen beschämter Belustigung und fröhlichem Ekel führt, das man anschließend aber auch nicht guten Gewissens in das Regal mit erotischer Kunst einordnen kann. So bleibt im Endeffekt nur ein fingerzeigendes Lachen über »die da«, und das ist schade. 2008-03-13 10:40

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