— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Traumstadt und Armageddon

Claus M. Wolfschlag: Traumstadt und Armageddon – Zukunftsvisionen und Weltuntergang im Science-Fiction-Film. Graz 2007. Ares Verlag. 240 Seiten. 19,90 Euro.

Düstere Visionen

Von Ines Schneider Claus M. Wolfschlag konzentriert sich in »Traumstadt und Armageddon – Zukunftsvisionen und Weltuntergang im Science-Fiction-Film« auf die inhaltlichen Motive und Elemente, die unser Verständnis von Science Fiction prägen. Er möchte beweisen, wie stark die Visionen der Zukunft von den Bedingungen und Tendenzen in der Zeit ihrer Entstehung abhängig sind. Er arbeitet heraus, wie sich verbreitete Science Fiction-Motive aus bestimmten Situationen entwickelt haben. Jedes Kapitel widmet er einem bestimmten Aspekt des Genres und sucht in den verschiedensten Filmbeispielen nach Verbindungspunkten zwischen den herrschenden gesellschaftlichen Trends und der Ästhetik und Erzählstrategie des Films. Seine Aufmerksamkeit gilt vor allem der negativen Utopie, der »Dark Future«. Es ist vielleicht nicht Wolfschlags Absicht, mehr als eine Auflistung von narrativen Elementen vor zu legen: »Dieses Buch will einen Überblick über die visualisierten Visionen von Zukunft bieten.« Doch als Science Fiction-Fan hofft man dennoch, an neue Sichtweisen und Deutungsmöglichkeiten von bekannten und noch zu entdeckenden Filmen herangeführt zu werden. Dem Autor gelingt dies häufig, aber nicht immer.

Einige Aspekte werden ausführlich und nachvollziehbar behandelt. Im Kapitel »Absolute Kontrolle - Die Wiederkehr des Totalitarismus« beispielsweise bietet Wolfschlag eine eingehende Definition der Figur des »Nazis« und ihrer Funktion im Science Fiction-Film. Es ist in der Tat fesselnd vom Autor aufgezeigt zu bekommen, was eine relativ kleine Gruppe von Kriegsverbrechern, die Anfang des 20. Jahrhunderts für circa 20 Jahre an der Macht war, noch Jahrzehnte später in den Zukunftsvisionen des Kinos für eine Rolle spielt. Wolfschlag befaßt sich mit den optischen Signalen, wie Uniformen und Parteiabzeichen, er verdeutlicht aber auch, für was die als »Nazi« erkennbare Figur steht: »Der 'Nazi' ist also keine möglichst getreue Darstellung 'des' geschichtlichen Nationalsozialisten. Stattdessen erscheint er enthistorisiert und dient oft nur als kompatibel universalisiertes Horrorwesen, wie andere Monster (Werwölfe, Vampire und anderes) auch.«

»Schöne glatte Moderne? – Vom ästhetischen Wandel der Weltraumwelt« vermittelt ebenfalls ein Vorstellung davon, wie stark das Bild der Zukunft die Gegebenheiten der Gegenwart widerspiegelt. Durch direkte Vergleiche des im Film erkennbaren visuellen Stils und den modischen Strömungen zur Zeit seiner Produktion, wird klar, daß man nur aus den Baustoffen der Gegenwart die Kulisse für die Zukunft bauen kann. Auch weist Wolfschlag ausdrücklich darauf hin, daß die in US-amerikanischen Produktionen der 1950er Jahre so gern inszenierte Invasion durch Außerirdische nicht zwangsläufig als Angst vor dem Kommunismus gedeutet werden muß, eine Interpretationsweise, die in der Filmgeschichte fast schon wie eine bewiesene Tatsache behandelt wird. Aufschlußreich sind gerade in diesem Zusammenhang die Beschreibungen von Zukunftsutopien oder -dystopien, die in osteuropäischen Staaten oder der ehemaligen Sowjetunion entstanden sind.

In anderen Kapiteln erläutert Wolfschlag die realen Grundlagen, die in die Fiktion eingeflossen sein könnten, weniger eingehend. Er stellt in solchen Fällen die Hoffnungen und Bedenken einer Epoche grob vereinfacht dar und beläßt es bei einigen allgemeinen Thesen, wie in »Familie verboten? Kampf der Geschlechter, Verlust der Liebe«. Vertieft werden weder die Eigenheiten der sehr komplexen gesellschaftlichen Entwicklung noch die Elemente des Films, die als künstlerische oder popkulturelle Verarbeitung dieser Entwicklung verstanden werden könnten. Selten geht Wolfschlag bei den von ihm verwendeten Beispielen über eine bloße Inhaltsangabe hinaus. Durch einige einleitende Sätze ist der Leser zwar für die jeweils interessanten Aspekte sensibilisiert, Wolfschlag erläutert aber den Zusammenhang zwischen Anfangsthese und Filmbeispiel nicht im befriedigenden Maße.

Enttäuschend ist die Bebilderung. Kleine, schwarzweiße Filmstills sind auf wenigen Seiten zu Gruppen arrangiert, die thematisch kaum zum danebenstehenden Text passen. In vielen Fällen tragen diese Abbildungen und ihre Untertitel nicht viel zu Wolfschlägers Ausführungen bei. Das ist auch nicht immer wichtig, denn der Autor befaßt sich zum größten Teil mit narrativen Elementen. Seine Zusammenfassungen der Handlung sind ausführlich und lebendig, so daß man Bilder kaum vermißt. Schwieriger wird es allerdings bei optischen Elementen. Vor allem die Beschreibungen von Architektur und Ausstattung fallen durch den Mangel an Illustrationen wenig anschaulich aus. Neben dem ausführlichen Film- wäre auch ein Personenregister nützlich, doch da Wolfschlag die genannten Filme in erster Linie als Reaktion auf eine bestimmte gesellschaftliche Stimmung sieht, tritt das Produktionsteam bei seiner Argumentationsweise in den Hintergrund, und die Namen der einzelnen Beteiligten sind für das Verständnis seiner Texte tatsächlich nicht unbedingt nötig.

Obwohl Claus M. Wolfschlag das viel diskutiertes Genre nicht immer aus einem neuen Blickwinkel betrachtet, ist »Traumstadt und Armageddon« eine lohnende Lektüre. Nicht nur Filmwissenschaftler, sondern auch Liebhaber der Science Fiction werden Spaß daran haben, in den verschiedensten Zukunftsvisionen vertraute Bilder aus der Gegenwart oder der jüngeren Vergangenheit aufzuspüren. Auch die bundesdeutsche Geschichte taucht darin auf, denn Wolfschlag würdigt ebenfalls deutsche Produktionen wie die titelgebende »Traumstadt«. 2008-02-25 13:29

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap