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Architekturen in Zelluloid

Doris Agotai: Architekturen in Zelluloid. Der filmische Blick auf den Raum. Bielefeld 2007. Transcript Verlag. 177 Seiten. 24,80 Euro.

Der Film ist dem Raum sein Erwachen

Von Eleonóra Szemerey Ein engagiertes, mutiges Projekt ist es, das sich die Schweizer Architektin Doris Agotai für ihre Dissertation vorgenommen hat – und nicht minder erfreulich seine Publikation bei Transcript: »Architekturen in Zelluloid« verschafft dem »spatial geturnten« Leser entweder »den filmischen Blick auf den Raum«, wie der Untertitel kundtut, oder aber einen stark räumlich geprägten Blick auf den Film. Das kommt ganz drauf an, ob sein »turn« auf eher architektonischem oder doch mehr auf kinematographischem Grund stattgefunden hat. Spannend ist dies ohne Frage. Verstörend manchmal auch.
Aber alles der Reihe nach. Agotais Ziel ist es, durch einen Terminologietransfer zwischen den Disziplinen, durch die Anwendung der »Sprache des Films« auf Phänomene der Architektur neues Bewußtsein für die Rolle der Raumwirkung in der Baukunst zu wecken.

Zu diesem Zwecke stellt sie, nachdem sie den eigenen theoretischen Zugang geklärt und die methodische Basis in der Semiotik verortet hat, einen breit angelegten, gerade dadurch aber oft zu dichtgedrängten Schnellüberblick über zahlreiche Ansätze zur visuellen Wahrnehmung auf verschiedenen kultur- bzw. naturwissenschaftlichen Forschungsfeldern an, die, wenn überhaupt, auf ganz unterschiedliche Aspekte von »Raum« abheben. Leider wirkt dies eher aufzählend als erläuternd oder gar erkenntnisbringend und erweckt den Anschein, als gebe die Autorin Einblick in ihre vorbereitenden Notizen anstelle einer Einführung in den aktuellen, relevanten Forschungsstand – auch weil sie als Abschluß ihres Exkurses einen Mangel an Spezifik und Praktikabilität der aufgeführten Konzepte feststellt und zur Zeichentheorie zurückkehrt. Auf eben jene zurückgreifend und die Interdisziplinarität (symptomatisch für die ganze Arbeit) leicht überstrapazierend führt sie schließlich den aktiven, aktualisierenden Rezipienten ein, dessen Bedeutung für die Raumwirkung in der Architektur noch unterschätzt, durch die Betrachtung des Films aber im folgenden deutlich würde.

Im Hauptteil wird es dann erst richtig interessant und aufregend, wenn Agotai die kinematographischen Ausdrucksmittel Kadrage, Montage und Erzählperspektive auf die Baukunst überträgt und untersucht, inwiefern Konzepte wie die Spannung zwischen Inner- und Außerbildlichem, der Unterschied zwischen kontinuierlicher und segmentierter Raumerfahrung sowie diskursive Strukturen oder gar räumliche Erzählstrategien neue Erkenntnisse über die Wirkung gebauter Substanz auf den sich bewegenden Rezipienten zutage Fördern. Ein neuer Blick auf vermeintlich Bekanntes, durch die direkte bauliche Funktion hinreichend Definiertes bereichert sowohl das Architekturverständnis des Laien als auch die Analyse des Fachmannes: so z.B. die Interpretation von Fensterformen und -anordnungen über ihr Potential zur Rahmung, betonten Trennung oder illusorischen Verbindung, d.h. zur Inszenierung von Raumsegmenten; oder das Lesen von Türen bzw. wechselnden Lichtsituationen als kontrollierte Schnittstellen einzelner Sehräume; und die Erforschung architektonischer Montagemöglichkeiten unter dem Gesichtspunkt der Kontextabhängigkeit aufeinanderfolgender Perzepte bzw. der Manipulation von Raumwahrnehmung durch implizite Bewegungschoreographie oder Auflösung von Ansichten. Wie der Architekt dem Regisseur ähnlich durch Konvention geprägte Erwartungshaltungen aufbauen und innovativ mit diesen spielen kann, wird in anschaulichen, reich bebilderten Vergleichen von Beispielen aus Film- und Baukunst deutlich; allerdings kommt mit dem letzen Kapitel erneut das anfängliche Unwohlsein auf, wenn die Autorin beim spekulativsten aller Hypothesen über die Narrativität des gebauten Raums das erzählerische Potential der Architektur zu beweisen sucht. Dieses wird nur auf der Ebene formaler Ausdruckmittel plausibel, und es bleibt unklar, warum Agotai die Baukunst nichtsdestotrotz mit dem primär plotorientierten Erzählkino anstelle des eher auf Stilebene arbeitenden, themenorientierten Films vergleicht – obwohl sie doch selbst von nicht explizit formulierter, als Anlage im Bauwerk zu verstehender Geschichte spricht und zwischen »erzählerischem Inhalt« und »diskursiver Struktur« unterscheidet. So kann sie leider nicht überzeugend darstellen, warum die Funktion eines Bauwerks mit seiner Story, die Bewegung durch ihn mit Narration gleichgesetzt werden soll und wie die in den vorherigen Kapiteln eingeführten formalen Gestaltungsmittel tatsächlich zum Erzählen von Geschichten eingesetzt werden können – begeistert aber einmal mehr mit spannenden neuen Blicken auf uns alltäglich umgebende und doch so selten bewußt reflektierte, ja, diskursive Strukturen in der bebauten Substanz unseres Lebensraums.

Und während die Filmwissenschaftlerin noch darüber grübelt, warum laut Autorin Geschichten beim Eintritt in das Medium Film »verräumlicht« statt audio-/visualisiert werden, ob sie Bewegungschoreographien als spezifisch filmische Mittel der Dramaturgie gelten läßt und ob neben der raumerzeugenden Funktion der Montage nicht andere, näherliegende angeführt werden sollten, wenn es schon einmal um Narration geht – mag sich die Architektin bereits fragen, wie sie sich das Konzept des sich frei bewegenden, subjektiv aktualisierenden Rezipienten in ihrem nächsten Entwurf zunutze macht, um ritualisiertes Architekturerleben aufzubrechen und Raumwahrnehmung bewußter zu steuern. 2008-02-06 14:44

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