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Projektionen des Fundamentalismus

Margrit Fröhlich, Christian Schneider, Karsten Visarius (Hrsg.): Projektionen des Fundamentalismus: Reflexionen und Gegenbilder im Film. Marburg 2007. Schüren Verlag. 192 Seiten. 19,90 Euro.

Fundamentalismus Now

Von Ekaterina Vassilieva Wie die Herausgeber in ihrem Vorwort anmerken, schöpft der Fundamentalismus seine sowohl positive als auch negative Faszination nicht zuletzt aus der Allianz mit den Mechanismen der medialen Repräsentation. Die Folgen der Terroranschläge werden uns in Bildern mitgeteilt, und die fundamentalistischen Selbstdarstellungsstrategien kreisen ebenfalls um das bewegte Bild. Es ist daher nur logisch, daß viele Filmemacher sich diesem Thema zuwenden, zumal ja dem Kino selbst ein gewisser Hang zum Terrorismus nachgesagt wird, der an die Fähigkeit, den Zuschauer zu verführen und ihn anschließend mit (filmischer) Gewalt zu unterwerfen, gebunden ist. Der Fundamentalismus darf jedoch nicht mit dem Terrorismus oder militanter Gewalt gleichgesetzt werden. Wie wir aus dem bereits zitierten Vorwort und dem einführenden Beitrag von Clemens Six lernen, kann die fundamentalistische Weltanschauung weit subtilere Formen annehmen und den modernen Lebenspraktiken, gegen die sie sich vermeintlich wendet, einen ernüchternden Spiegel vorhalten. Tatsächlich erweist sich der Fundamentalismus bei einer vertiefenden Analyse als ein Produkt der Moderne und bedient sich solcher Kategorien, wie Egalität oder Nationalismus, die auch allgemein in den radikal-politischen Bewegungen im Westen seit dem 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen. Der nachfolgende Aufsatz von Christian Schneider unternimmt einen interessanten Versuch, sich in die Psyche des Fundamentalisten zu versetzen, die für ihn durch das Ausklammern des Zweifels und Gegeneinanderführen zweier Welten und zweier Zeiten gekennzeichnet ist, die dem Fundamentalisten beide gleich real erscheinen und ihn zu einer unerträglichen inneren Spaltung führen.

Nach diesem anspruchsvollen Auftakt sind die Erwartungen an die Artikel zu einzelnen Filmen entsprechend hoch gesetzt, und die geschickte Filmauswahl, die eine denkbar breite Palette der fundamentalistischen Erscheinungsformen berücksichtigt, macht durchaus neugierig. Leider gehen die meisten filmanalytischen Beiträge nicht über eine kommentierte Inhaltsangabe hinaus. Die Autoren verfolgen sorgfältig alle themenrelevanten Handlungsstränge, um dann die intendierte Aussage herauszuarbeiten, die fast immer nur die offensichtlichste ist. Die Texte, die sich noch am ehesten hinter die Oberfläche trauen, sind Filmen über den Nahostkonflikt gewidmet. Möglicherweise fordert die Brisanz des Stoffes einen unkonventionellen Kommentar geradezu heraus. So muß Irit Neidhard in ihrem Artikel zu Göttliche Intervention zunächst klären, ob der Film des palästinensischen Regisseurs Elia Suleiman Verständnis für den fundamentalistischen Terrorismus zeigt oder ihn eher parodiert. Die Ambivalenz der Bilder tritt dabei in den Mittelpunkt der analytischen Betrachtung und erlaubt, die vordergründige Erzählebene zu verlassen. Mit ähnlichen Ambivalenzen müssen sich auch Anne Marie Oliver und Heike Kühn beschäftigen, wenn sie über die filmische Darstellung der Selbstmordattentäter am Beispiel von Paradise Now sprechen. Kann man die Sympathien, die die Figur eines »empfindsamen Terroristen« auf sich zieht, legitimieren? Oder haben wir es hier mit einer verharmlosenden Vereinfachung zu tun, die den Kern des Problems außer Acht läßt? Besonders spannend wird es, wenn die Autorinnen in ihren Beiträgen gegensätzliche Interpretationen einer Episode anbieten, etwa als ein potentieller Selbstmordattentäter vor der Kamera seine Botschaft verliest und durch einen technischen Fehler unterbrochen wird.

Der Sammelband kann vor allem aufgrund seiner hervorragenden Einführungstexte empfohlen werden, die einen schnellen und fundierten Einstieg in die aktuelle Fundamentalismus-Diskussion bieten. Der filmanalytische Teil stellt dagegen eher illustratives Material dar und liefert viele anregende Informationen zu ausgewählten Filmen, ohne einen innovativen Zugang anzustreben. Die Anknüpfungspunkte für die eigenen Überlegungen sind jedoch zahlreich vorhanden, so wird die Lektüre sicherlich zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema motivieren. 2008-01-22 17:31

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