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Das Begehren im Blick

Ingeborg Boxhammer: Das Begehren im Blick. Streifzüge durch 100 Jahre Lesbenfilmgeschichte. Bonn 2007. Mäzena Verlag. 320 Seiten. 26,95 Euro.

Nachschlagewerk für Angsthasen

Von Daniel Bickermann Manchmal will man nach einem Vorwort schon gar nicht mehr weiterlesen. Ingeborg Boxhammer beginnt ihre ehrgeizigen 300 Seiten zur Lesbenfilmgeschichte mit einer unverhohlenen »Ich gegen die Welt«-Attitüde und sträubt sich nicht, schon im zweiten Absatz deklamierende Sätze wie »Ich will mehr« zu gebrauchen. Überhaupt entblößt sich da vor den staunenden Augen des Lesers ein großes »Ich will«-Projekt. Das Problem ist, daß auch dieser Rezensent will, daß »Filme und Fernsehproduktionen nicht ausschließlich nach BesucherInnenzahlen bzw. Einschaltquoten« bewertet werden. Nur: Was hat das bitte mit dem vorliegenden Buch zu tun? Allein durch den Willen setzt sich der Geist eben doch noch nicht in Bewegung.

Dem ersten Ärger folgt schnell ein zweiter und dritter: Eine grotesk unwissenschaftliche Herangehensweise sowohl in Bezug auf Film (Potential zum Klassiker hat die Scheindefinition des »Film«-Begriffs, die geschlagene fünf Zeilen in Anspruch nimmt und mit dem erstaunlichen Satz endet: »Was ein Film ist, ist also rasch erklärt«) als auch in Bezug auf Nomenklatur (die erste Fußnote fühlt sich bemüßigt, den Begriff »Otto Normalverbraucher« einzuführen und zu erklären) paart sich hier mit ebenso unerwarteten wie unerwünschten biographischen Einsichten, die das Buch noch vor seinem eigentlichen Beginn als rein subjektives Aufarbeitungsprojekt desavouieren. Hier liegt ein schweres Mißverständnis vor: Der interessierte Leser, der das Buch schließlich bereits gekauft hat, braucht keine Motivationshilfe aus dem biographischen Fundus der Autorin. Einem essayistischen Thesenbuch wäre ein solcher Ansatz vielleicht bekommen, doch bei diesem filmwissenschaftlichen Ansatz bleibt das unangenehme Gefühl, die Autorin spreche weniger mit ihrem Publikum sondern vielmehr mit sich selbst.

Boxhammer hakt dabei jedoch nicht einmal bei den selbstgestellten Fragen nach. Nach der irgendwie unentschlossenen Behauptung, die Filmindustrie sei noch heute »allem Anschein nach ein von Männern beherrschtes Gebiet«, bleibt die Autorin weitere Thesen schuldig, wie sich dieser »Anschein« denn nun sowohl in den von ihr positiv als auch negativ bewerteten Filmen niederschlage: Weder wagt sie zu behaupten, daß nur Frauen (oder gar: lesbische Frauen) gute Lesbenfilme drehen können noch weist sie jemals strukturelle oder ideologische Unterschiede in den Filmen männlicher Regisseure nach – warum also das Regisseursgeschlecht überhaupt auf den Tisch bringen? Solche platten Kampfstatements versanden nicht nur im Nirgendwo, sie fußen auch oft auf längst bekannten Vorurteilen – vor allem, wenn sich Boxhammer in die spürbar unwohligen (und offenbar auch unvertrauten) Tiefen jenseits des Mainstream- oder Indiekinos begibt. Als die Autorin zum Beispiel mit größtmöglicher Verachtung von ausdrücklich jeder Form von Pornographie redet, der natürlich per definitionem ein »abgrundtiefer Haß auf Frauen« zugrunde liegen muß, vergißt sie immer noch nicht, die Macher noch im gleichen Satz politisch korrekt als »ProduzentInnen« zu bezeichnen. Trauriger kann sich gutgemeinter Feminismus eigentlich nicht selbst karikieren.

Nachdem all das schon im Vorwort passierte, löst der Rest des Buches leider alle Befürchtungen ein, wenn auch nicht immer so spektakulär auf den Punkt gebracht: Die Zusammenfassung des Forschungsstandes (oder das Kapitel, das an deren Stelle steht) besteht aus einer kommentar- und kritiklosen Aneinanderreihung von zwei Dutzend Büchern – und schnell stellt sich heraus, daß dies auch der modus operandi in Hinsicht auf die vorgestellten Filme sein wird. Über 150 von ihnen werden, nach grober thematischer Ordnung, im Stadtmagazinstil vorgestellt und selten ausführlicher als mit einem Halbsatz bewertet, wobei die langweilige Vorhersehbarkeit des Mainstreamfeminismusgeschmacks herrscht (Boys don’t cry = gut; Vampyros Lesbos = böse; Russ Meyer = keiner Erwähnung wert). Diese »Besprechungen« kommen ohne einen Hauch filmwissenschaftlicher Analyse oder auch nur filmpraktischer Einsicht aus und werden lose zusammengehalten von Überleitungen, die selbst Gerhard Delling die Schamesröte ins Gesicht treiben würden. Durch willkürlich verteilte und vollkommen aussagefreie Farbfotodrucke wird das Angebot abgerundet.

Der Lesbenfilm (ein überaus faszinierender Motivkomplex, der in den internationalen Gender Studies längst ausgereiftere Analysen erfahren hat) hätte in der deutschen Publizistik eine genauere Definition verdient als »Filme, in denen Lesbisches vorkommt«, und, wenn wir schon dabei sind: auch ein sorgfältigeres Buch als diese einseitige, plakative Fleißarbeit, die höchstens für ängstliche Videothekenkunden taugt, die vor der Filmrezeption sicherheitshalber noch nachlesen wollen, welche Art lesbischer Beziehung in dem Werk vorkommt, wie sie endet und was die politisch korrekte Geschmackspolizei wohl dazu sagt.
Man hätte wirklich mehr gewollt, aber bitte nicht davon. 2008-01-04 12:32

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