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Sex und Macht

Hans Scheugl: Sex und Macht - Eine Metaerzählung des amerikanischen Films des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2007. Schmetterling Verlag. 335 Seiten. 29,80 Euro.

Phallstudien

Von Nicole Ribbecke Antonin Artaud hat sich nach dem Kinobesuch eines Films mit Shirley Temple erbrochen. Graham Greene handelte sich eine Klage ein, nachdem er Haßtiraden über die Kindfrau ausstieß. Männer mit Geschmack. Solche und zahlreiche weitere Anekdoten finden sich in der Metaerzählung des amerikanischen Films des 20. Jahrhunderts von Hans Scheugl, beruhend auf dem ersten Teil eines vorherigen Buches über Sexualität und Neurose im Film, das 1974 erschien. Eine finanzwirksame Strategie sowie eine um die letzten dreißig Jahre erweiterte Fassung.

Fragt sich nur noch, ob wir tatsächlich einen ausgezeichneten Filmemacher und Autor benötigen, um uns darüber aufzuklären, daß James Stewart das Sinnbild kleinbürgerlicher Moral mimt, während Ripley alienschlachtend eine futuristischere Emanzipation der Frau einläutet. Butch Cassidy und Sundance Kid verbindet eine tiefe Männerfreundschaft, Walter Matthau und Jack Lemon der Haß gegenüber Frauen. Rudolph Valentino tritt als weibischer Held der Männlichkeit eines John Wayne entgegen, während sich die entwurzelte Frau in Gestalt von Greta Garbo zu einer teuflischen Freibeuterin wie Marlene Dietrich entwickelt. Nicht zu vergessen King Kong, »dessen erstes Erscheinen aus dem Urwald nicht mehr Schrecken und Bewunderung hervorriefe, würde da ein gigantischer Phallus enthüllt«, oder daß kein Film »je einem entsprechend präparierten Publikum so häufig als Drogentrip gedient« hat wie Stanley Kubriks 2001: A Space Odyssey.

Ist das alles durchaus unterhaltsam, so bleiben doch differenzierte Filmanalysen aus. Diese sind auch mitnichten Sinn und Zweck dieser Genealogie über die verschiedenen Amtszeiten, deren wirtschaftlichen Auswirkungen und Errungenschaften amerikanischer Präsidenten. Mit mehr oder minder ausführlichen Inhaltsangaben hangeln sich flutartig 1.200 repräsentative Motion Pictures an den historischen Momenten der neuen Welt entlang. Politiker, Philosophen und Dramaturgen kommen durch sozio-wissenschaftliche Erläuterungen bis hin oder besser gesagt zurück zur Evolutionstheorie zu Wort. Anhand von Startypen und Transformationsprozessen wird die fortgesetzte Erzählung der Filmgeschichte zum kontinuierlichen Gedächtnis einer polymorphen Mythologie, in denen die Tendenzen des Mainstreamkinos das Zeitgeschehen absorbieren und sie alterniert darstellen.

»Sex und Macht« beleuchtet nicht bloß das differenzierte Panorama des Machtkampfes zwischen den Geschlechtern, sondern ist zu allererst eine amerikanische Geschichtslektüre, deren Bildstreifen die gesamtgesellschaftliche Dimension der neuen Welt transkribierend enthüllen. In meinen Augen überflüssig erscheint lediglich ein sechsseitiges Kapitel über Jerry Lee Lewis. Doch so liegt es wohl auch in persönlicheren Interessen begründet, daß ich seiner Beurteilung Quentin Tarantinos nicht zustimmen kann. 2007-12-03 11:50

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