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Die Situationistische Internationale.

Simon Ford: Die Situationistische Internationale. Eine Gebrauchsanleitung. Hamburg 2007. Edition Nautilus. 224 Seiten. 14,90 EUR.
Von Thomas Waitz Wie keine zweite Avantgardebewegung hat die Situationistische Internationale die Kunst – Malerei, Architektur, aber auch den Film – in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig verändert. -Zugleich sind ihre Relevanz als politische Theorie, die maßgeblich die Versuche gesellschaftlicher Befreiung Ende der 1960er Jahre beeinflußt hat, und ihre politische Dimension aktueller denn je. Als kritische Kulturtheorie hat sie bemerkenswerte und provozierende Thesen zur Mediengesellschaft, ihren Produkten und der Möglichkeit künstlerischer Praxis aufgestellt, der Titel von Guy Debords 1967 erschienenem Buch »La Société de Spectacle« ist zu einem Schlagwort für die Gleichzeitigkeit von Unterhaltung und Ausbeutung geworden.
Mit der »Gebrauchsanleitung« des britischen Kunsthistorikers Simon Ford liegt nun eine äußerst gelungene Einführung in Geschichte und Ideen der Situationistischen Internationalen in deutscher Übersetzung vor. Sie ist auch – und vielleicht gerade – aus filmwissenschaftlicher Sicht interessant.

Tatsächlich behauptete Debord, der sich selbst nicht als politischen Theoretiker, sondern als Filmemacher bezeichnete, nicht weniger, als daß seine eigenen Filmprojekte den erstmals geglückten Versuch darstellten, das Medium zur Abbildung politischer Theorie zu nutzen. Mehr noch: Den Film begriffen die Situationisten als politische Theorie selbst. Dies wird insbesondere dort offensichtlich, wo es um die Umsetzung der ästhetischen Forderung der Zweckentfremdung von »ästhetischen Fertigteilen«, des Détournement, ging. La société de spectacle (1974) ist nicht zuletzt aufgrund der Montage der Editorin Martine Baraqué, die in einem gleichermaßen instruktiven wie assoziativen Verfahren geschickt Found Footage rekombiniert, ein auch heute sehenswerter Film (finanziert im übrigen von Debords Freund Gérard Lebovici – dem Agenten von Deneuve, Depardieu und Belmondo).

Ironischerweise standen die Situationisten einer akademischen Vereinnahmung stets kritisch gegenüber. Ford pflegt einen nüchternen, sachlichen Ton, hält sich mit politischen Bewertungen zurück, ist im Wesentlichen an der -historischen Entwicklung interessiert. Seine Gebrauchsanleitung fungiert dabei wie die politische Theorie des Situationismus selbst: »Die Revolution zeigt den Menschen nicht das Leben, sondern bewirkt, daß sie leben«, schreibt Debord 1961. 2007-10-07 02:08

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.

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