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Drehbuch Reloaded

Katharina Bildhauer: Drehbuch Reloaded. Konstanz 2007. UVK Medien. 288 Seiten. 29,- EUR.
Von Sven Jachmann Kennen Sie das? Eine Erbschaft wurde angetreten, und die Summe fällt erklecklich genug aus, um endlich den ersten eigenen Film anzufertigen? Sie gehen also in den Buchladen Ihres Vertrauens, kaufen einen der zahlreichen Drehbuch-Ratgeber, die Ihnen bereits im Titel eine Vermehrung des Geldes durch Blockbustergarantie quasi bescheinigen, und zum Schluß sind Sie ärmer als zuvor?

Bleiben wir bescheiden: Der gesunde Menschenverstand und die Empirie sagen uns bereits, daß wir diesen reißerischen Titeln nicht trauen sollen: Ihre Grundlage schöpfen sie in der Regel aus erzählerischen Konventionen, die sich für eine TV-Episode als tauglich erweisen und für einen kurzen Rülpser in der Filmgeschichte genug Ertrag abwerfen könnten. Einem David Lynch oder Jean-Luc Godard hätten sie indes lediglich einen Eintrag ins Klassenbuch beschert. Und den gefloppten Cutthroat Island dennoch nicht verhindert. Oder den Erfolg von Pulp Fiction -antizipiert.

Selbiges will Katharina Bildhauer in ihrer Dissertation ebenfalls nicht leisten, wohl aber ein dezidiertes Instrumentarium zur Hand reichen, mit dessen Hilfe die kausalistischen, auf dem klassischen Dreiaktschema (Exposition, Entwicklung, Auflösung) fußenden Drehbuchkonstruktionen überwunden werden können. Gleichzeitig leistet die Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Drehbuch-theorie. »Ohne Drehbuch kein Film«, wird in der Einleitung -lakonisch festgestellt. Was folgt, ist eine beeindruckende und durchaus erschöpfende Analyse des Drehbuchs als strukturierende Konstante des -Gesamtwerks Film, mit dem Ziel, seinen künstlerischen Mehrwert zu fokussieren, aber auch die normativen Satzungen der einschlägigen und kanonisierten Ratgeberliteratur zu konkretisieren und sich so solch vielfältigen Phänomenen wie multiperspektivischen oder unzuverlässigen Erzählvarianten zu widmen. In Gestalt ausgiebiger Analysen von Filmen wie Memento oder Fight Club erweist sich dann besagte Literatur auch als brauchbare Negativfolie, um beispielsweise dichotome Begriffe wie Plot und Fabula zu integrieren, die vernachlässigte Differenz von Erzählzeit und erzählter Zeit zu vertiefen oder die Spezifika des intermedialen Übergangs eines verbal-literarischen Wortes in eine visuell-kinematographische Sprache zu skizzieren. Das Ganze schließt im Resultat eine Lücke zwischen ständig reproduzierter Praktikabilität bestehender Muster und teils esoterisch anmutenden Vorstellungen erzähltheoretischer Strukturen, die bis heute noch ihrer Umsetzung harren, und gehört – so oder so – in die Bibliothek eines jeden Filminteressierten, der vielleicht nicht seinen Namen auf den Litfaßsäulen prangen sehen, wohl aber begreifen möchte, warum manche Filme schlicht eleganter erzählt sind als andere. 2007-10-07 02:08

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.

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