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Kino

Winkler; Willi: Kino. Kleine Philosophie der Passionen. München 2002. dtv. 133 Seiten. 8,- EUR
Von Mark Stöhr Wer ist Willi Winkler? Henryk M. Broder: Er ist ein »Asket, der von schwarzem Kaffee und filterlosen Zigaretten lebt, ein kleiner Samurai, der sich züchtigt, bevor er andere peinigt.« Thomas Meinecke wird da in seinem Roman »Tomboy« noch deutlicher: »Nee, Willi Winkler, behalt mal deine beschissene Meinung für dich.« Und die Jungle World faßt schlüssig zusammen: »Willi Winkler ist ein typischer deutscher Feuilletonist, der auftrumpfend über Dinge schreibt, von denen er nicht die geringste Ahnung hat.«

Jetzt schreibt Willi Winkler, Autor bei der Süddeutschen Zeitung, also übers Kino. Das hat er noch nie gemacht. Über alles sonst – von Pearl Harbor bis zu Joschka Fischer, »dem typischen deutschen Opportunisten«, von den »Kulturwichteln« des »Literarischen Quartetts« bis zur Mutation der weiblichen Brust zum »surrealistischen Sahnesteif« – das Kino jedoch entging bislang seiner großsprecherisch-asphaltierenden wie abwägend-ziselierenden Wortmanufaktur.

»Kino« ist die Autobiographie eines »Kinogehers«, eine kleine Geschichte des Films aus der radikal subjektiven Sicht Willi Winklers. Anekdotisches geht über in Cineastisches und umgekehrt, mal liefert das Leben draußen die Untertitel zum Film drinnen, mal der Film die Bilder zum Leben. »So sah das Kind, wo es als Erwachsener sein sollte. Und natürlich sah es das im Kino«, schreibt Winkler und erzählt von den ersten Lassie- und Fury-Filmen in der dörflichen Schulaula. Ob in seitenlangen Hommagen an Eustache, Welles, Kubrick, Bogart und die Huppert oder Kurzausflügen in den »Kinoschlaf« – das Kino erscheint als magischer Ort der Verwandlung, als märchenhafter Gegenentwurf zur Wirklichkeit. An einer Stelle zitiert Winkler Umberto Ecos berühmten Satz über »Casablanca«: »Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees sind ergreifend.« Das mag auch für ihn und sein Buch gelten. Der schwer anämische Kanon der Cinephilie wird in seiner Gänze durchkonjugiert und dabei neu aufgelegt. Das ist wie im Filmmuseum die Fenster aufreißen. He, Willi Winkler, schreib mal öfter übers Kino! 1970-01-01 01:00

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