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Michael Haneke und seine Filme

Christian Wessely, Gerhard Larcher, Franz Grabner (Hrsg.): Michael Haneke und seine Filme. Eine Pathologie der Konsumgesellschaft. Marburg 2005. Schüren Verlag. 376 Seiten. 24,90 Euro.
Von Sebastian Gosmann Jeder einzelne seiner Kinofilme stellt eine Herausforderung dar. Sein analytisch-kühler Blick auf die Dinge und seine irritierend fremdbleibenden Charaktere lassen eine vom Zuschauer gemeinhin angestrebte Identifikation nicht zu. Der jeglichen Erzählkonventionen sich konsequent verweigernde fragmentarische Erzählgestus erschwert den Zugang zu Michael Hanekes Werken zusätzlich. Zudem entwirft er mit jedem Mal ein höchst verstörendes Gesellschaftsbild, bei dessen Rezeption der Betrachter sich der Allgemeingültigkeit des modellhaft Erzählten schmerzlich gewahr wird; er fühlt sich angesprochen. Und eben dieses Gefühl des Gemeintseins macht seine Filme zu unangenehmen Zustandsbeschreibungen unserer Zeit. Er zwingt den Zuschauer zur Auseinandersetzung sowohl mit sich selbst als auch mit der ihn umgebenden gesellschaftlichen – in Hanekes Augen grausamen – Realität, indem er ihn teilhaben läßt an der in ihr stattfindenden Kommunikationsunfähigkeit und der daraus resultierenden Gewalt.

So ist Franz Grabners Versuch, Haneke in einem Gespräch zur Relativierung seiner unzweifelhaft pessimistischen Weltsicht zu bewegen, zwar verständlich, hat jedoch lediglich zur Folge, daß der Regisseur diese noch weiter untermauert. Die durchweg plausible Argumentationsweise und die angenehm klare Sprache Hanekes machen dieses Interview zu einem wahren Genuß; zudem gewährt es dem Leser interessante Einblicke in dessen Methodik.

Im Gegensatz zu Grabner stellt Sebastian Schlöglmann Hanekes eigengesetzliche Darstellung von Gewalt nicht in Frage, sondern macht sie zum Gegenstand einer subjektiven Betrachtung der 2000er-Produktion Code inconnu, indem er versucht, die (Un)Erträglichkeit ebendieser zu ergründen. Mit seiner Analyse des für ihn vergleichsweise zugänglichen Films erleichtert Schlöglmann nicht nur den Zugang zu diesem einen Werk, sondern lädt ein zum Verstehenlernen von Michael Hanekes Filmkunst allgemein.

Im Anschluß nimmt sich Alfred Jokesch gleich sechs Filmen aus Hanekes Œuvre an, um sie hinsichtlich der Erscheinungsformen von Schuld und deren Abwälzungsmöglichkeiten auf andere zu untersuchen. Als Ausgangspunkt für seinen letzten Endes religiös motivierten Interpretationsstil stellt er zunächst heraus, daß der Regisseur die im Mainstream-Kino oft betriebene Praktik des Abladens von Schuld auf einen personalisierten Sündenbock (als Garant für das Happy End) gerade nicht ausübt, und im Zuschauer somit das ebenso ungewohnte wie unangenehme Gefühl zurückbleibt, nicht erlöst worden zu sein.

Insgesamt haben die Herausgeber, allesamt tätig am fundamentaltheologischen Institut der Universität Graz, 19 Texte zusammengetragen, die die unterschiedlichsten Aspekte des filmischen Schaffens Michael Hanekes beleuchten. Namhafte Filmkritiker wie Georg Seeßlen oder Andreas Kilb ergänzen die Autorenschaft um die weltliche Komponente. Herausgekommen ist eine überaus vielschichtige Publikation, die jedem empfohlen sei, der ein ernsthaftes Interesse daran hat, sich kraft zumeist anspruchsvoller Lektüre mit der Arbeit eines unbequemen Geistes des europäischen Kinos zu befassen. 1970-01-01 01:00

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