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Krzysztof Kieslowski

Margarete Wach: Krzysztof Kieslowski. Köln 2001. KiM Verlag. 513 Seiten
Von TW Fünf Jahre nach seinem Tod und einer vorhergehenden Phase höchsten, selbstquälerischen Schaffens (zuletzt 14 Filme in 8 Jahren) hat Krzysztof Kieslowski im europäischen Kino eine Lücke hinterlassen, die nicht zu schließen ist. Seine Filme zeichnet eine einzigartige Ambivalenz aus, die intellektuelle Schärfe und sinnliche Erfahrung zugleich verspricht.

Sein dokumentarisches Frühwerk indes dürfte den meisten Zuschauern unbekannt geblieben sein. Erst vor einigen Jahren, anlässlich einer verdienstvollen Retrospektive bei 3sat, waren einige der zumeist recht kurzen Filme zu sehen. Wie ein Gegenpol wirken sie zu seinen von Gegnern später als »manieristisch« bezeichneten, in jedem Fall hochartifiziellen letzten Filmen, der »Drei Farben«-Trilogie (1993/94), in denen er in emblematischer Verdichtung und symbolischer Überhöhung zu seinen signifikanten künstlerischen Maximen fand.

Dennoch blieb die wissenschaftliche Rezeption seines umfangreichen Werkes in Deutschland lange Zeit eine bedauerliche Leerstelle, sieht man von vereinzelten Arbeiten, etwa der exzellenten moraltheologischen Untersuchung von Lesch/Loretan, oder vereinzelten Promotions- und Magisterarbeiten, insbesondere zur Dekalog-Serie (1987/88), ab. Der nun von Magarete Wach vorgelegte Band »Krzysztof Kieslowski. Kino der moralischen Unruhe« ist somit die erste deutschsprachige Monographie über den polnischen Regisseur überhaupt.

Wach geht in ihrer notwendigerweise oft deskriptiven Untersuchung weitestgehend bio-filmographisch vor. Als Ausgangspunkt dient dabei das dokumentarische Schaffen Kieslowskis, das sich – auf den ersten Blick – inhaltlich wie auch formal von den späteren Fernseh- und Kinofilmen abzugrenzen scheint, bei genauerer Betrachtung aber offenkundige Verbindungslinien und eine identische künstlerische Haltung erkennen läßt: So etwa im Interesse des Filmemachers an sozialer Realität und dem Einsatz einer dokumentaristisch-konnotierten Filmsprache.

Bereits seine frühen Arbeiten weisen in ihrem tragischen Realismus eine außergewöhnliche Transzendierung auf, die sich aus der Position eines im Grundton pessimistischen Existentialismus speist. Dabei wird »Der Zufall möglicherweise« (1981) zu einem Scheidepunkt in Kieslowskis Schaffen, steht er doch, laut Wach, »an der Grenze zweier Ästhetiken – der realistischen Beschreibung und der philosophischen Parabel«. Sie konstatiert in Kieslowskis Werk einen maßgeblichen Paradigmenwechsel »von der Wirklichkeit zur Metaphysik«, der anhand von Selbstzeugnissen des Regisseurs und Äußerungen enger Mitarbeiter nachvollziehbar wird.

Darüber hinaus behandelt Wachs Untersuchung nahezu umfassend zahlreiche Aspekte von Leben und Werk des Filmemachers, bietet eine politische Einordnung, spart auch die unterschiedliche Rezeption in Polen und im Westen nicht aus und wagt zu guter Letzt einen (wenn auch mitunter spekulativen) Ausblick auf »Epigonen und Erben« des Regisseurs.

Zu den Schwächen der ansonsten äußerst anregenden und spannenden Arbeit zählt allerdings, daß die filmanalytischen Strecken sich oft auf die Ebene von Handlungsdisposition und narrativer Struktur beschränken, ohne auf die Frage nach der filmsprachlichen Gestaltung weiter einzugehen. Insgesamt dennoch ein gelungener Band, der Lust macht auf Kieslowskis Filme und der die unterschiedlichen Perspektivierungen, unter die sein Werk gestellt wurde, offenlegt. 1970-01-01 01:00

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