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Schnitte in Raum und Zeit

Voss, Gabriele: Schnitte in Raum und Zeit. Notizen und Gespräche zu Filmmontage und Dramaturgie. Berlin 2006. Vorwerk 8. 252 Seiten. 19,- Euro.

Chaos und Ordnung

Von Franziska Heller Nach Gabriele Voss lassen sich Erzählformen als Umgangsformen mit den Gegebenheiten von Chaos und Ordnung beschreiben. Man könnte diese Aussage auf »Beschreibungsformen« erweitern, um somit Voss' Unterfangen zu würdigen, andere an dem für sie – und nach der Lektüre dieses Buches auch für den Leser – faszinierenden Prozeß der Montage teilhaben lassen zu wollen. Sie will eine Vorstellung davon geben, »was Montage eigentlich ist, wie weit sie ausholt und mit welchen gestalterischen Fragen […] man sich befasst«. Dies erweist sich als umso interessanter, da nach Voss' Befinden insbesondere Texte zur Dramaturgie von Dokumentarfilmen vergleichsweise »dürftiger« vorhanden sind. Im Montageprozeß kommen »alle Elemente der Gestaltung zusammen«, es wird die »endgültige Form des Films gefunden«. Doch dieses Thema scheint so komplex, daß Voss diesen »Prozess der Formgebung« mit einer Bewegung »wie in den Windungen einer Spirale« beschreibt – in Variationen umkreist man nährungsweise ein Zentrum. Die Vorstellung der fortschreitenden Spiralen betrifft nicht nur die inhaltliche Darstellung des Montageprozesses, sondern auch die Darstellungs- und Denkkonzeption von Voss' Buch. Was für manchen Leser überraschend wirkt, ist die Tatsache, daß Voss das Prinzip des Montierens in vielerlei Weise selbst in ihr Buch überführt hat: So montiert sie im ersten Teil ihre eigenen Gedanken aus Notizbüchern in Absätzen zusammen; es finden sich überdies Fotos, die assoziativ den Kapiteln angegliedert sind.

Der zweite Teil besteht aus Gesprächen mit dem Hirnforscher Wolf Singer und dem Autor und Regisseur Alexander Kluge. Im dritten Teil hat Voss aus ihren Gesprächen mit anderen Editoren ein »virtuelles« Gespräch montiert. Im letzten Abschnitt »Zum Ende kommen« schreibt so Wolfgang Widerhofer dem »letzte[n] Bild […] eine gewisse Funktionalität« zu. Bei Voss kommt insofern dem letzten Teil eine ganz eigene Funktion zu, da sie ihre eigenen assoziativen Materialien angehängt hat.

Es ist selten, daß sich so konsequent der thematische Gegenstand tatsächlich in der Buchform vermittelt. Voss' Nachdenken über Zeit und Raum mit dem Fokus auf unsere Wahrnehmung und ihre Relativität – eben der Zusammenhang von Chaos und Ordnung – ist aber nicht nur deshalb so lesenswert, sondern es ist auch inhaltlich äußerst anregend, da viele verschiedene Perspektiven ahierarchisch, gedanklich nebeneinander stehen gelassen werden. 1970-01-01 01:00

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