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Die Einübung des dokumentarischen Blicks

Ursula von Keitz / Kay Hoffmann (Hrsg.): Die Einübung des dokumentarischen Blicks. Fiction Film und Non Fiction Film zwischen Wahrheitsanspruch und expressiver Sachlichkeit 1895-1945. Marburg 2001. Schüren Verlag. 210 Seiten
Von Mark Stöhr Die Künstlerin Tracey Emin hat in London ein Bett ausgestellt. Es ist ihr eigenes, und es befinden sich auf ihm dreckige Laken, eine Flasche Wodka und ein benutztes Kondom. Im Begleittext heißt es, die Künstlerin habe »vier Tage in dem Bett gelegen und über einen Selbstmord nachgedacht, bevor sie beschlossen habe, ihr Elend in ein Kunstwerk zu verwandeln«.

Anselm Kiefer, nicht minder hochdotierter Gegenwartskünstler, benutzte sein Sperma, um eine Serie von Blättern zu gestalten. Was das mit Dokumentarfilm zu tun hat und warum es an der Zeit wäre, Siegfried Kracauers »Theorie des Films« beim nächsten Antiquariat zu versetzen, beweist der Hildesheimer Medienprofessor Jan Berg in seinem Beitrag zum Dokufilmtheorie-Sampler »Die Einübung des dokumentarischen Blicks«. Entlang zahlreicher prä- bzw. außerfilmischer Beispiele – religiöser Rituale, Offenbarungslegenden, antiker Epen und eben auch Werken moderner Kunst – beschreibt er Dokumentarästhetik entgegen der landläufigen Meinung, sie schaffe ein authentisches Abbild der Wirklichkeit, als Ensemble verschiedener Techniken der »Authentifizierung«.

So wie der mittelalterliche Asket sich durch Kasteiungen von seinem Selbst zu entleeren und zu einem bloßen Medium göttlicher Offenbarung zu werden versuche, sich dabei also »authentifiziere« und zum »Wahrheitsdarsteller« werde, glaubte sich der Dokumentarismus insbesondere der 60er und 70er Jahre unter dem Einfluß von Kracauers Diktum von der »Errettung der äußeren Wirklichkeit« im Besitz einer Form und eines Verfahrens, die es der Realität gestatteten, sich unmittelbar und autonom in das Filmmaterial selbst einzuprägen – als »Darstellung der Nichtdarstellung« (Berg).

Dieses Credo einer Wahrheitsästhetik verlor glücklicherweise bei einem Teil der nachfolgenden Filmemacher-Generationen an Bedeutung, indem sie die strikte Trennung zwischen Fiktion und Dokument aufgaben und den Dokumentarfilm – so Heinz B. Heller in seinem gleichnamigen Aufsatz – als »transitorisches Genre« anerkannten, das sich lediglich durch einen »Mehrwert« an Authentiziät auszeichne.

Der vorliegenden Textsammlung ist nicht nur der längst überfällige Versuch gelungen, mit alten Vorurteilen aufzuräumen, welche die Dokumentarfilmdebatte immer wieder auf einen lähmenden Nullpunkt zurückschnellen lassen. In ihrer historischen und archäologischen Herleitung des dokumentarischen Gestus', die ihn in den verschiedensten künstlerischen Disziplinen und sozialen Feldern verortet und erstaunliche Verlinkungen sichtbar werden läßt, weist sie auch auf das große synergetische Potential dieses Genres hin und seine Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. 1970-01-01 01:00

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