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Dziga Vertov

Thomas Tode/Alexandra Gramatke (Hrsg.): Dziga Vertov. Tagebücher/Arbeitshefte. Konstanz 2000. UVK Medien. 275 Seiten

Ideologie und Idealisierung

Von Ursula von Keitz »Film-Auge ist die behutsame Erkundung der Kamera, die, statt sich im Chaos des Lebens zu verirren, sich in den Verhältnissen, in die sie geraten ist, orientieren muß.« Dziga Vertov, der dies 1924 schrieb, war der Mitbegründer der Kinoki, einer Bewegung der russischen Filmavantgarde, die die spezifische Differenz zwischen dem natürlichen und dem filmischen »Sehen« ausloten wollte.

Mit dem Namen Vertov verbindet sich bis heute ein Meisterwerk des großstädtischen, seine Impressionen streng ordnenden Dokumentarfilms: »Der Mann mit der Kamera«, entstanden 1928, besticht in seiner hochreflektierten Montage noch immer durch formale Konsequenz. Die Tagebücher und Arbeitshefte, die nun in einem graphisch schön gestalteten, von Thomas Tode und Alexandra Gramatke herausgegebenen Lese- und Bilderbuch vorliegen, geben Einblick in alle Zweifel und Konflikte, denen sich der Künstler Vertov zur Zeit der stalinistischen Herrschaft zu stellen hatte.

Sie beginnen 1924, wobei sich Notizen tagesaktueller Ereignisse und manifesthafte künstlerische Bekenntnisse, »Kampfstatuten«, wie Vertov sie nennt, bunt vermengen. Vertovs Sprache benutzt das Vokabular von Jagd und Krieg, seine axiomatischen Formeln sind Kampfansagen an die Inszenierung des Spielfilms. Sie leben vom Traum der Unsichtbarkeit des Kamerablicks ("Überrumpelungsaufnahme – die alte Kriegsregel: Augenmaß, Schnelligkeit, Angriff."). Die westliche Kritik hat Vertov, der zunächst Musik studierte, als militanten Futuristen beschrieben. Doch das Ledermantel-Image und der temperamentvoll-polemische Habitus gilt nur den Anfangsjahren. Sein Bemühen um eine kinematographische Wahrheit, wie sie die Kinoki verstand, wird angesichts der Indienstnahme von Filmleuten zu Propagandazwecken immer wieder frustriert.

Dziga Vertov war ein großer Verehrer Lenins, er hat den filmischen Personenkult um den Revolutionsführer erfunden. Doch Josef Stalin steht dieser konsequenten Idealisierung seines Vorgängers mißtrauisch gegenüber. Regelmäßig gerät Vertov deshalb in Konflikt mit der stalinistischen Filmverwaltung und -zensur. Mitte der 30er Jahre, als in der Sowjetunion lediglich 40 abendfüllende Filme produziert werden können, fällt Vertov, der als »Risiko-Regisseur« gilt, aus dem Kreis der Filmkünstler, die Staatsaufträge bekommen, heraus.

Insbesondere die Notizen aus den Weltkriegsjahren geben Einblick in die Formen der alltäglichen Repression, der Vertov bei seiner Arbeit ausgesetzt war. Vertov fragt sich mehrfach in seinem Tagebuch, ob man am »Mangel an Schöpferischem« sterben kann, doch klagt er als begeisterter Kommunist die Verhältnisse nie offen an. Die Reaktion der Propaganda auf den Überfall Hitlers auf die Sowjetunion fällt höchst widersprüchlich aus, Vertov sieht sich zwischen den konträren Auffassungen der Filmverantwortlichen in der KP zerrieben.

Am 15. Juli 1941 notiert er: »Auf den Rat [Sergej] Jutkewitschs schrieb ich einen Entwurf über einen Filmjournalisten, in dem die veränderte, angespannte, auf die Begegnung mit dem Feind vorbereitete Hauptstadt dargestellt wird. Jutkewitsch meint, ich solle im Moment keine Kriegsepisoden benutzen, sondern alles indirekt zeigen. Das ist die Richtlinie. ,Legen Sie los, und in einer Viertelstunde habe ich es abgesegnet.' Ich zog mein Szenario mit Kriegsepisoden zurück und schrieb ein neues nach Jutkewitschs Anweisungen. Als ich mich gestern mit Bolschakow traf und er mich fragte, ob ich ein Szenario habe, antwortete ich: ja. Und zeigte ihm meinen neuen Szenarplan. Bolschakow überflog es und sagte: ,Nein. Wir brauchen Kriegsepisoden. Was in Moskau geschieht, in den Häusern usw., ist interessant als historisches Material. Jetzt brauchen wir Kriegsmaterial.'«

Diese und andere Passagen über die Debatten um die »richtige« Form der Kriegsberichterstattung, akribisch notiert und z.T. in szenischer Form wiedergegeben, machen Vertovs Tagebücher zu einem beklemmend aktuellen Dokument. Auch Demokratien tun sich bekanntlich schwer damit, dem eigenen Volk in der Berichterstattung die Wahrheit des Kriegs zuzumuten. 1970-01-01 01:00

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