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Vilém Flusser

Andreas Ströhl (Hrsg.): Vilém Flusser – Writings. Minneapolis/London 2002. University of Minnesota Press. 256 Seiten. 29.95 $

Von Kafka und postmoderner Städteplanung

Von Rainer Guldin Für die Leser des »Schnitt« ist Vilém Flusser kein Unbekannter. In Hinblick auf den zehnten Todestag des 1920 in Prag geborenen Philosophen hat die Zeitschrift im Herbst 2001 einen Themenschwerpunkt Vilém Flusser und der Film publiziert. Anlaß für eine weitere Beschäftigung bietet die letztes Jahr erfolgte Publikation eines englischen Flusser-Readers, des ersten seiner Art. Dank den Anstrengungen des Herausgebers Andreas Ströhl, der übersetzerischen Arbeit Erik Eisels und der Mitarbeit der University of Minnesota Press sind nun die philosophischen Schriften Flussers endlich auch einem breiteren Englisch sprechenden Lesepublikum zugänglich.

Mit »Vilém Flusser: Writings« versucht Ströhl, eine breitgefächerte Auswahl von Texten aus verschiedenen Momenten von Flussers Schriftstellerkarriere und zu sehr unterschiedlichen Themen zusammenzuführen: Kommunikationstheorie, Essayismus, Neue Medien, Kafka, Nomadismus, postmoderne Städteplanung. Die Ausgabe enthält insgesamt 26 Texte, drei davon unveröffentlicht und sechs ursprünglich auf Englisch geschrieben. Alle anderen wurden aus dem Deutschen übersetzt.

Die einzelnen Arbeiten sind so angeordnet worden, daß sie für sich allein oder als Gesamterzählung gelesen werden können. Der Leser wird dabei von Flussers Untersuchung der Neuen Medien und deren Auswirkungen auf unsere Wahrnehmungsweisen zum Begriff der »Bodenlosigkeit« und den damit verbundenen Möglichkeiten einer schöpferischen Existenz im Exil geleitet. Der Schlußteil ist dem Konzept der »Nachgeschichte« und Flussers Vision einer telematischen Gesellschaft der Zukunft gewidmet.

Was man vermißt, ist ein Beispiel von Flussers »Philosophiefiktionen«, jener auf der Grenze von Wissenschaft, Philosophie und Literatur angesiedelten hybriden Textgattung, in der Flusser, wie in einer phänomenologischen Fabel, ein Tier auftreten läßt – einen intelligenten Tintenfisch oder einen geschwätzigen Bandwurm – aus dessen Perspektive das Menschliche mit radikal neuen Augen betrachtet werden kann. Das Buch, das eine besonders informative Einleitung, eine ausgewählte Bibliographie und ein Register enthält, ist eine ausgezeichnete Einführung in das spielerisch vielseitige Denken eines der wohl interessantesten Philosophen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. 1970-01-01 01:00

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