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Autorenkino und Filmschauspiel

Anja Streiter: Autorenkino und Filmschauspiel. Jacques Doillon. Vorwerk 8. Berlin 2006. 288 Seiten. 24,- Euro
Von Esther Buss Die Filme Jacques Doillons tragen einen sonderbaren, manchmal fast magischen Widerspruch in sich: Einerseits hat man als Zuschauer das Gefühl, seinen Figuren ganz unmittelbar zu begegnen und mit ihnen ein Stück weit zu gehen, gleichzeitig aber zeichnen sie sich durch eine extreme Künstlichkeit und Stilisierung aus, die ihr Weiterleben außerhalb dieser ästhetischen Konstruktion sehr unwahrscheinlich macht.

In den 70er Jahren noch von Truffaut als Erbe der Nouvelle vague gefeiert und von der französischen Filmkritik zum Begründer eines »nouveau naturel« erklärt, wurde Doillon in den 80er Jahren durch seinen provozierenden Antinaturalismus zur umstrittenen Figur. Seine Hinwendung zu künstlichen Posen und artifiziellen Dialogen, der exzessiven Produktion von Affekten und Gefühlen, wurde nicht selten als nervtötender Manierismus empfunden.

Die Filmwissenschaftlerin Anja Streiter hat nun in einer ersten deutschsprachigen Studie das inzwischen 27 Filme umfassende Werk Doillons untersucht, wobei sie den Fokus auf das komplexe Verhältnis von Autor/ Regisseur und Schauspieler/Filmfigur richtet. Das Buch beginnt mit einer filmgeschichtlichen Einordnung Doillons in das französische Nachkriegskino und macht ein eigentümliches Post-Nouvelle-vague-Klima aus (in dem noch die Nachwirkungen des Mai '68 spürbar waren): ein über allem schwebender Mythos, ja fast eine Art Vakuum, aus dem die unterschiedlichsten filmischen Ansätze hervorgingen. Doillon findet sich inmitten dieser schwer zu fassenden »Zwischengeneration« der um '45 Geborenen, also Filmemacher/innen wie Catherine Breillat, Patrice Chéreau oder Philippe Garrel, die sich vergeblich auf einen gemeinsamen ästhetischen oder theoretischen Bezugspunkt festlegen lassen. Diese ganz spezifische Zeitqualität hat in der Arbeit Doillons zu einem ganz eigenständigen Weg geführt. Streiter macht hier den Begriff der Gemeinschaft (der auch in neueren Theorien, etwa des Philosophen Agamben wieder zu Aktualität gekommen ist), zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Analyse und argumentiert, Doillon gehe in seinen Filmen den »Möglichkeiten und Bedingungen eines gemeinsam gelebten Lebens« nach.

Es erscheint naheliegend, daß sich Doillon in einer großen Nähe und Verbindung zu John Cassavetes sieht, dem Schauspielerregisseur par excellence (über den die Autorin ebenfalls ein sehr lesenswertes Buch geschrieben hat). Denn das Verhältnis zwischen Autor und Schauspieler als eine existenzielle Form der Arbeitsgemeinschaft, die im Sinne eines »work in progress« funktioniert, ist auch für Doillon eine der wesentlichen Grundlagen seines filmischen Schaffens. Anhand von Filmen wie »La femme qui pleure« oder »La puritaine« wird nachgezeichnet, wie seine Schauspielführung auf die Erzeugung einer Figur zielt, in der Autor und Schauspieler gleichermaßen sichtbar gemacht werden. In einigen Filmen hat Doillon selbst als Schauspieler agiert, ebenso Familienmitglieder (wie bei Cassavetes übrigens auch), und einige Male hat er sogar die Figur des Autors in die filmische Erzählung eingebunden – für Streiter eine Geste der Selbstbehauptung als Autorenfilmer. Doillon bewege sich auf der selben Ebene wie seine Figuren, nämlich in einem »gemeinschaftlichen Raum, der zu einem Leben wird, das zugleich vollkommen kinematografisch und real ist«. Man könnte diese Arbeitsmethode leicht mit Dogma-artigem Authentizismus verwechseln. Doch genau das Gegenteil tritt ein: Das Natürliche wird unnatürlich, fremd, theatral, fast exotisch.

Wie eine Art Originalton zum Off-Kommentar wirkt das abschließende ausführliche, manchmal etwas ausufernde Gespräch mit Doillon. Sein beständiges Sprechen über Begegnung und Kommunikation, Sprache, ja das Sprechen selbst, läßt Doillon dann tatsächlich wie einer seiner eigenen Filmfiguren erscheinen. 1970-01-01 01:00
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