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Dabei fällt mir ein…

Wolfgang Spier: Dabei fällt mir ein... – Lebensgeschichten. Berlin 2004. Henschel-Verlag. 304 Seiten. 19,90 EUR.

Wie der Schnabel gewachsen ist

Von Frank Brenner Er gilt als König des Boulevardtheaters, aber Wolfgang Spier ist eigentlich viel mehr als das. Im September wird Spier 85 Jahre alt und kann auf eine vielseitige Karriere zurückblicken. Seine Ausflüge in den Film beschränken sich zwar auf ein knappes Dutzend Rollen, beinhalten aber neben Kassenschlagern wie dem Jerry-Cotton-Film »Der Mörderclub von Brooklyn« und »Im Banne des Unheimlichen« nach Edgar Wallace auch den viel zu selten gezeigten Bernhard-Wicki-Klassiker »Das Wunder des Malachias« oder die Will-Tremper-Sozialstudie »Die endlose Nacht«.

Das Theater war und ist sein Leben, dort hat er seit 1945 in Hunderten von Rollen geglänzt, selbst Regie geführt oder Autoren wie Michael Pertwee, Ray Cooney und Lawrence Roman kongenial ins Deutsche übersetzt. Fernsehgeschichte schrieb er mit seiner Inszenierung der Kult-Comedy »Ein verrücktes Paar« Ende der 70er Jahre oder als Moderator der überaus erfolgreichen SDR-Quizsendung »Wer dreimal lügt«. Darüber hinaus hat er seine markante Quietschstimme immer wieder überzeugend als Synchronsprecher eingesetzt, sei es mehrfach für den Briten Donald Pleasence oder unlängst als Crazy Joe in dem Animationsfilm Shark Tale.

Bei einem solch bewegenden Leben bietet es sich geradezu an, die Erinnerungen an dasselbe niederzuschreiben. Als Halbjude im Dritten Reich aufgewachsen und viermal verheiratet, kann Spier auch im privaten Bereich auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken. Trotzdem ist dieses Buch nicht nur eine weitere Schauspielerautobiographie geworden, denn man merkt ihm an, daß es ohne Ghostwriter entstanden ist. Spier schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Die Struktur seiner Erinnerungen folgt bewußt dem Konzept des Zusammengewürfelten, es sind eher einzelne Geschichten, die sich hier mehr oder weniger chronologisch aufbauen, häufig aber auch durch inhaltliche Gemeinsamkeiten zusammengehalten werden.

Das Buch folgt keinem streng durchdachten und allzu abgenudelten Memoiren-Plan. Bei der Lektüre sieht man vielmehr einen begnadeten Erzähler vor sich, der Anekdoten aus der Vergangenheit Revue passieren läßt und sein Publikum auch in geschriebener Form zu unterhalten versteht. Auch die reichhaltige Bebilderung mit Privat- und Theaterfotos ist beeindruckend und verdient eine gesonderte Erwähnung. 1970-01-01 01:00

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