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Humanist and Emotional Beginnings of a Nationalist Indian Cinema in Bombay

Brigitte Schulze: Humanist and Emotional Beginnings of a Nationalist Indian Cinema in Bombay. Berlin 2003. Avinus Verlag. 419 Seiten. 32,00 EUR

Bollywoods Entstehungsgeschichte

Bunte Bilderwelten, heitere Songeinlagen und herzzerreißende Liebesszenen machten das indische Kino in den letzten Jahren auch außerhalb Asiens und Nordafrikas bekannt und beliebt. Trotz wachsender Popularität ist jedoch wenig detailliert Historisches über das sogenannte »Bollywood«-Kino, das mit ungefähr 900 Filmen pro Jahr mehr produziert als Hollywood, bekannt.

In ihrer Dissertationsschrift »Humanist and Emotional Beginnings of a Nationalist Indian Cinema in Bombay« betrachtet Brigitte Schulze erstmals das frühe indische Kino genauer und wirft einen bis dato in der Filmwissenschaft noch unterrepräsentierten Blick auf die Entstehung desselbigen. Jedoch nicht als ein rein historisch aufzählendes Werk, das nach dem üblichen Muster einer kausal generierten Filmgeschichte funktioniert. Vielmehr versucht Schulze, das indische Kino mit Siegfried Kracauers sozialpsychologischem Analyseansatz zu lesen und es als ein prägendes soziales Phänomen für die indische Kultur zu beschreiben.

Im Mittelpunkt steht dabei der Filmemacher Dhundiraj Govind Phalke, der zwischen 1913 und 1918 die ersten narrativen Filme in Bombay realisierte und als Vater des indischen Kinos gilt. Anhand seiner Werke zeigt die Autorin, wie schon in der Frühgeschichte indischer Unterhaltungskultur bestimmte patriotische Stimmungen generiert bzw. umgeneriert wurden und wie das zeitgenössische Publikum auf sie reagierte. Auch das extrem ausdifferenzierte Gesellschaftsleben des Subkontinents wird anhand von Phalkes Filmen und der jeweiligen Zeitgeschichte analysiert und dokumentiert. Dabei nimmt sowohl das indische Kastensystem als auch die britische Politik in der einstigen Kronkolonie eine Rolle ein.

Die Autorin, deren Schrift bis dato nur in Englisch publiziert wurde, schärft so den Blick auf ein Kino, das Phalke politisierte und ideologisierte, um seine humanistischen, jenseits des Kastensystems funktionierenden Ideen via Zelluloid zu verbreiten. Eine Sammlung von Texten des Regisseurs und zeitgenössischen Artikeln über ihn runden das Buch zudem zu einer äußerst lesenswerten Reise ins frühe indische Kino ab, das zumindest im Sinne Phalkes ein etwas anderes werden sollte, als es heute ist.

Michael Leuffen 1970-01-01 01:00

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