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Dietmar Brehm

Gottfried Schlemmer (Hrsg.): Dietmar Brehm: Perfekt. Mit Beiträgen u.a. von Gottfried Schlemmer, Dietmar Brehm, Alexander Horwath, Dietrich Kuhlbrodt, Robert Buchschwenter, Georg Seeßlen, Christa Blümlinger, Elisabeth Büttner. Wien 2000. Sonderzahl. 256 Seiten

Die dritte Generation

Von Claus Löser Man kann nicht oft genug auf die unterschiedlichen Reputationen hinweisen, mit denen der Experimentalfilm in Deutschland und Österreich besetzt ist. Während hierzulande von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer nur Einzelgänger auszumachen sind (wie z.B. Birgit & Wilhelm Hein, Heinz Emigholz oder Matthias Müller), spricht man in der Alpenrepublik bereits von einer »Vierten Generation« avantgardistischer Filmemacher, und damit von Kontinuität.

Während in Deutschland von den meisten Nachwuchsfilmern der experimentelle Kurzfilm lediglich als Spielwiese angesehen wird, die einem abendfüllendem Spielfilm vorgelagert bleibt, wird das Genre in Österreich seit den frühen 60er Jahren als völlig eigenständig akzeptiert und erfährt auch eine entsprechende öffentliche Anerkennung bzw. Förderung.

Mit der praktischen Unterstützung geht eine intensive theoretische Reflexion zum Gegenstand einher. Felix Austria? Bei uns ist und bleibt eine der Wiener Kooperative »Sixpackfilm« vergleichbare Institution jedenfalls nicht einmal in Umrissen erkennbar. Nach dem Grundlagenwerk »Avantgardefilm Österreich« (Wespennest 1995) und Monographien u.a. zu Kurt Kren oder Peter Kubelka geht die publizistische Beschäftigung in Wien nun noch weiter ins Detail. Mit Dietmar Brehm erfährt ein Künstler Würdigung, der, obwohl strenger Einzelgänger ohne Meister oder Jünger, als wichtigster Exponent der »Dritten Generation« einzustufen ist. Deren Verdienste sieht Brehm selbst in der Präzisierung von zwei Elementen: im Arbeiten mit Found Footage einerseits, andererseits in der Strukturierung einer »falschen Narration«.

Tatsächlich bilden diese beiden Momente die wichtigsten Bausteine des Brehmschen Werkes. In mittlerweile über hundert, teilweise sehr kurzen Filmen (die meisten von ihnen zusammengefaßt in sogenannten MIX-Rollen) untersucht der 1947 in Linz geborene und noch immer dort lebende Maler und Filmemacher die Zusammenhänge von vorgefertigter Wirklichkeit und den begrenzten Möglichkeiten autonomer Rezeption. Immer wieder dienen Splitter aus Pornofilmen als Bildköder innerhalb dieser »Sekundenfalle« (so auch ein Filmtitel Brehms). Verflochten mit anderen, hundertfach überarbeiteten und verfremdeten optischen Signalen bilden die Filme Brehms Teppiche der Irreführung, auf denen man sich gleichsam schaudernd wie fasziniert bewegt.

Der Künstler unterscheidet sich dabei grundsätzlich von explizit strukturell arbeitenden Kollegen wie Kubelka, die er leicht verächtlich als »Kaderzähler« bezeichnet (ohne sie zu benennen). Allein schon durch die Favorisierung von Super-8 bietet er dem Zufall nämlich seine Flanke. Film stellt für ihn einen Organismus dar, »der existiert, stirbt und verwest«. Deshalb hat er auch jahrelang seine Super-8-Unikate vorgeführt, ohne Rücksicht darauf, sie dadurch selbst zu zerstören. Der Buchtitel »Perfekt«, wiederum einen Filmtitel Brehms zitierend, bringt dieses radikal-antiauratische Konzept treffend auf den Punkt. Wie schon Walter Benjamin produziert er mit dieser Absicht gerade das Gegenteil. Dem vorliegenden Band kommt der nicht hoch genug einzustufende Verdienst zu, erste theoretische Perspektiven auf den Kosmos Brehm zu entwerfen. Die Filme selbst wird jeder anders sehen. Darin besteht ihre Tugend. 1970-01-01 01:00

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