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Die subversive Kamera

Hans-Joachim Schlegel (Hrsg.): Die subversive Kamera. Zur anderen Realität in mittel- und osteuropäischen Dokumentarfilmen. Konstanz 1999. UVK Medien. 390 Seiten
Von Mark Stöhr Hartmut Bitomsky schrieb einmal in einem Essay, das Dokumentarische sei vielleicht nichts als das Exil der Realität, ihre fremde Heimat. Und weiter in einem anderen Zusammenhang: »Ein Film ist der Kampf zwischen Wirklichkeit und Zeichen.« Gewendet auf die Dokumentarfilmproduktion Mittel- und Osteuropas zur Ära des »Sozialistischen Realismus« kann dies zweierlei bedeuten: Der Dokumentarfilm verstand sich einerseits als Anwalt und Asylgeber des Wirklichen jenseits seines offiziösen Verständnisses, sah sich hingegen aber auch mit einer Wirklichkeit und Bildern von ihr konfrontiert, in die die herrschende Ideologie unübersehbar ihre Spuren eingeschrieben hatte. In jedem Fall war sein Wirken subversiv und brachte ihn in Konflikt mit den staatlichen Zensurbehörden, denn die sozialistische Nomenklatura war weder an Blicken hinter ihren Propagandawall interessiert noch an Filmen, welche die schönfärberischen Strategien von Wirklichkeitsinszenierung zu genau unter die Lupe nahmen.

Das Haus des Dokumentarfilms hat in seiner »Close Up«-Reihe nun ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht, herausgegeben vom Experten des mittel- und osteuropäischen Films, Hans-Joachim Schlegel. In einem beeindruckenden Materialreichtum und mit Liebe zum Detail werden die verschiedenen Aspekte und Arten subversiver Filmarbeit beleuchtet, immer im Kontext der jeweils eigenen soziokulturellen und politischen Bedingungen und Entwicklungen der einzelnen Länder. Die Spannbreite des filmischen Spektrums reicht vom offenen radikalkritischen Protest über die groteske Überzeichnung bis zur apolitischen, introspektiven Verweigerung. Subversiv ist alles, was nicht »fröhliche Kolchosbauern, die um einen Springbrunnen herumtanzen« (Mark Soosaar) zeigt oder sich des ikonographischen Vokabulars der Götzenverehrung bedient.

Natürlich waren die Spielräume in Ländern wie Polen und der Tschechoslowakei von vornherein größer, und gerade hier machen die Beiträge deutlich, inwieweit Dokumentarfilme nicht nur Wegbegleiter von politischen Emanzipationsbewegungen waren, sondern auch zu deren Impulsgebern wurden. Einen ganz anderen Weg wählte und wählt der Russe Aleksandr Sokurov, dem das vielleicht stärkste Kapitel des Buches gewidmet ist: Sein meditativer Kamerablick sucht nach dem spirituellen Gehalt der Dinge der äußeren Realität. Seine radikale Subjektivität wurde zu Sowjetzeiten zum Politikum. Nach ihrem Ende unterliegt er der ökonomischen Zensur. Denn längst regiert auch in Mittel- und Osteuropa der Rotstift der Profitabilität. 1970-01-01 01:00

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