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Erlebnisort Kino

Irmbert Schenk (Hrsg.): Erlebnisort Kino. Marburg 2000. Schüren. 216 Seiten. 14.80 EUR
Von Manuela Brunner Das mit dem Begriff »Kino« ist so eine Sache, der flutscht einem zwischen den Fingern durch wie ein glitschiger Fisch. »Gesamtheit aller Filme« wie in »das asiatische Kino«, Abstraktum, die »Seele« des Filmischen, großes Allumfassendes für alles, was mit Film zu tun hat? Wer »Erlebnisort Kino« sagt, der grenzt sich immerhin auf das Kino als Ort ein.

Das sollte doch ein Anfang sein für die vielen namhaften Autoren, die in diesem Sammelband versammelt sind. Zum Beispiel Leonardo Quaresima, Laura Mulvey, Knut Hickethier und Susanne Weingarten, um dem Namedropping zu genügen. Sie alle geben zu verstehen, daß Kino mehr als nur ein Ort ist, wo Filme gezeigt werden, nämlich ein Ort der sozialen Interaktion. Doch vielen dieser Filmexperten passiert dann genau das, was auch jedem Kinogänger passiert, jedes Mal, wenn der Raum sich verdunkelt und das Spektakel auf der Leinwand beginnt: Sie werden hineingezogen in die Welt auf der Leinwand, und ehe man sich's versieht, geht es plötzlich um Film und nicht mehr ums Kino. Nicht daß das Kino nichts über das Kino als Erlebnisort auszusagen hätte – zum Beispiel ist Susanne Weingartens Idee, bei Strange Days anzufangen, um sich mit den medialen Wahrnehmungsräumen der Zukunft auseinanderzusetzen, wirklich gut, oder Stefan Kramers Versuch, sich den chinesischen Kinopraktiken zu nähern.

Nur allzu oft reiht sich dann Filmtitel an Filmtitel, Regisseur an Schauspieler und plötzlich finden wir uns auf der Seite der Filmproduktion wieder, dem genauen Gegenteil der Filmrezeption. Anne Paech entgeht diesem Dilemma, indem sie sich auf eine klar abgegrenzte Nische spezialisiert, nämlich das Duftkino. Pierre Sorlin zieht sich aus der Affäre mit einer empirischen Studie zum Kinogängerverhalten der 50er Jahre in drei europäischen Städten. Hier besteht keine Gefahr, der Verlockung zu erliegen, über Film-an-sich zu schreiben. Doch was ist Kino ohne Filme? Den richtigen Dreh findet Thomas Elsaesser, dessen Thema »Wie der frühe Film zum Erzählkino wurde« eigentlich am abseitigsten klingt. Wohlvertraut mit den Theoretikern, die das Kino völlig vom Film loseisen wollen, im Stile eines anekdotischen Kinobesitzers – »Wenn ich 400 Leute zwei Stunden lang in einen Aufzug sperren und ihnen Coke und Popcorn verkaufen könnte, entspräche das meinem Beruf besser, als Filme zu zeigen« – schafft er doch die Überwindung des Gedankens und eine sinnvolle Verbindung zur Entwicklung der filmischen Mittel, und klärt nebenbei noch filmhistorische Patzer auf.

»The Life of an American Fireman« (1903), stets beliebtes Beispiel für die Anfänge der klassischen Montage, wurde in den 30er Jahren von einem Museumskurator »zeitgemäß umgeschnitten« und erhielt so erst die allgemein bekannte Form. Die Schaulust des Lesers wird durch zahlreiche Schwarzweißfotos, größtenteils von schönen alten Kinopalästen, befriedigt, und wer keine Lust zum Lesen hat: Das originelle Cover wirkt auf jeden Fall gut auf Schreib- und Nacht- und Wohnzimmertischen. 1970-01-01 01:00

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