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Hollywood führt Krieg

Roland Schäfli: Hollywood führt Krieg. Gau-Heppenheim 2003. mediabook-Verlag. 160 Seiten. 19,80 Euro.
Von Achim Wetter Bereits 1895 stellte der Arzt und Soziologe Gustave Le Bon in seinem Standardwerk »Psychologie der Massen« fest, daß das Denken der Menge weniger logisch strukturiert ist als vielmehr geprägt wird von Suggestion, Legende und Hysterie. Auf diese ebenso schlichte wie bahnbrechende Erkenntnis gründeten die Nazis ihr System der gleichgeschalteten, von den Machthabern und ihren Vasallen bis ins Detail gesteuerten, perfiden Propagandamaschine. Ihrem Ausmaß und ihren Maßstäben hatten andere Länder lange Zeit kaum etwas entgegenzusetzen. Bedeutete sie in letzter Konsequenz ja auch die vollkommene Beseitigung privatwirtschaftlich organisierter Filmproduktion, die in Deutschland spätestens 1941 bittere Realität wurde.

Doch wie gestaltet sich Propaganda in einem Land, das mit Hollywood zwar über den mächtigsten Produktionsapparat für Filmprodukte verfügt, in dem aber auch traditionell Instanzen kaum auf Gegenliebe stoßen, die den Gesetzen des freien Marktes entgegenwirken? Richtig, man versucht ganz einfach, auf der Basis freiwilliger Selbstkontrolle und möglichst ohne eindeutige Position einen goldenen Mittelweg zu finden. Und der pendelt in den USA nicht erst seit dem Ausbruch des II. Weltkriegs zwischen den Polen unverhohlen aggressiver, nationalistischer und rassistischer Propaganda und dem Bestreben, es sich möglichst mit keiner ethnischen oder religiösen Gruppe und mit keiner noch so diktatorisch regierten Nation, die als aktueller oder zukünftiger Absatzmarkt in Frage kommen könnte, nachhaltig zu verderben.

Nicht zuletzt um diese Polarität und um die Antagonismen, die beim Umgang der amerikanischen Filmindustrie mit dem Dritten Reich und seiner Verbündeten offen zu Tage treten, dreht sich Roland Schäflis Anthologie. Im Prinzip basierend auf den nicht selten höchst kuriosen Kriegsfilm-Klischees, mit denen Hollywood bis heute den Blick auf den II. Weltkrieg prägt, lädt Schäfli uns ein auf eine Reise durch fast 70 Jahre Filmgeschichte. Er macht dabei von Anfang an keinen Hehl daraus, mehr feuilletonistischer Streifzug sein zu wollen, als trockene, wissenschaftliche Aufarbeitung. Eine überwältigende Fülle nicht immer relevanter, aber niemals langweilender Hintergrundinformation fügt sich, mit einer fast vollständigen Übersicht aller amerikanischen Beiträge zum Thema, zu einem sehr empfehlenswerten Lesebuch, das sich gut und gern in einem Rutsch verschlingen läßt. 1970-01-01 01:00

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