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Der schöne Schein der Künstlichkeit

Andreas Rost (Hrsg.): Der schöne Schein der Künstlichkeit. Frankfurt a.M. 1996. Verlag der Autoren. 325 Seiten
Von Mark Potocnik Das »Reden über Film« im Verlag der Autoren setzt sich nach dem ersten, äußerst gelungenen Band mit Filmanalysen unter anderem von Peter Sloterdijk und Klaus Theweleit mit einem zweiten Band fort, der nicht so entzücken kann wie sein Vorgänger.

David Bordwells herausragende Analyse von »Die Hard« weist die Übernahme traditioneller Erzählmuster des klassischen Hollywoodkinos im amerikanischen Mainstreamkino unserer Zeit nach, und auch der Versuch, »Citizen Kane« als einen trugbildhaften, auf sich selbst bezogenen Film zu interpretieren, als zentrale Arbeit des amerikanischen Expressionismus, verdient höchstes Lob.

Dabei weist Bordwell nach, wie sehr Welles und sein Kameramann Toland sich der Techniken des amerikanischen Studiosystems bedienten, zum Beispiel der Komposit-Photographie, bei der zwei oder drei Einstellungen nacheinander gefilmt und wie die Teile eines Puzzles zusammengefügt werden, oder des Optischen Druckers. Der Bildraum, der so entstand, war also durch die Verwendung dieser »Tricktechniken« oftmals künstlich hergestellt, in vielen Fällen gab es gar keine wahrnehmbare Wirklichkeit, die abgefilmt wurde.

Desweitern sind in diesem Band Diskussionen zwischen Peter Greenaway, Ken Adam und Jack Lang und ihren jeweiligen Gesprächspartnern (Volker Schlöndorff ist einer von ihnen) / dem Publikum. Ken Adam, Production Designer mehrerer James-Bond-Filme, plaudert dabei über sein Gewerbe, über den »War Room« aus Stanley Kubricks »Dr. Strangelove or how I learned to love the Bomb« und gibt viele andere interessante und unterhaltsame Einblicke in sein Metier. Leider wird das Gespräch im Verlauf zu einer Diskussionsrunde mit deutschen Production Designern aufgestockt, wobei sich ab diesem Zeitpunkt eine gewisse Larmoyanz in das Gespräch einschleicht und nur noch der Niedergang der Ausbildung und die Krise des deutschen Films betrauert wird.

Die Diskussion mit Peter Greenaway versucht, alle Aspekte seines Werkes zu berücksichtigen, inklusive der Ausstellungen, wobei der zweite Teil sich auf »The Cook, the Thief, his Wife and her Lover« beschränkt und Greenaway zu Fragen des Publikums Stellung nimmt. Ein gutes Interview (leider viel zu kurz!), das auch die sprachlichen Zweideutigkeiten Greenaways berücksichtigt.

Das Gespräch mit Jack Lang dreht sich vorwiegend um die Produktion von Leos Carax' »Les Amants du Pont-Neuf« – dies sei aus Chronistenpflicht schuldigst angeführt -, ansonsten kommt das Gespräch über Appelle nicht hinaus.

»Der schöne Schein der Künstlichkeit« kann nicht so überzeugen wie der erste Band von »Reden über Film«, ist aber trotzdem eine lesenswerte Veröffentlichung, die einige sehr gelungene Analysen und Interviews in sich birgt und auch preislich im Rahmen des Erschwinglichen bleibt. (Inzwischen ist schon ein dritter Band erschienen, mit einem Vortrag des französischen Philosophen Jean-François Lyotard über die Souveränität des Films.) 1970-01-01 01:00

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