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Lernen Sie diskutieren!

Heiner Roß (Hrsg.): Lernen Sie diskutieren! Re-education durch Film. Strategien der westlichen Alliierten nach 1945. Berlin 2005. Cinegraph Babelsberg. 178 Seiten. 14,- EUR
Von Oliver Baumgarten Eine bedeutende Strategie der Nationalsozialisten zur Einstimmung ihrer Gefolgschaft funktionierte über den äußeren Schein, über Erscheinung und letztlich über das Bild. Von der Architektur bis zum Film wurden Stimmungen transportiert und Stimmung gemacht. Umso naheliegender und gleichsam erstaunlicher ist es, daß die Alliierten nach Zerschlagung der Diktatur die sogenannte Re-education der Deutschen unter anderem ebenfalls über das Bild, nämlich durch den Film, forcierten.

Naheliegend ist dies nicht nur deswegen, weil nach der Einnordung durch die Nationalsozialisten die Deutschen offenkundig neue (Leit-)Bilder brauchten, sondern auch schlicht deswegen, weil etwa mit einem Münchner Wochenschaukino im Monat bis zu 75.000 Menschen mit den Botschaften erreicht werden konnten. Erstaunlich erscheint diese Maßnahme auf der anderen Seite, weil sie aus Sicht der heutigen, von Bildern übersättigten Gesellschaft fast naiv anmutet.

Der in der Cinegraph Babelsberg Reihe der Filmblatt-Schriften von Heiner Roß herausgegebene Band »Lernen Sie diskutieren!« wirft eine Unmenge von Fragen auf, liefert Fakten und Denkanstöße über eine beispiellose Phase organisierter politischer Umerziehung und untersucht gründlich die heute noch erhaltenen Kurzfilme (nebst ausführlicher Filmo- und Bibliographie im Anhang).

Von besonderem Interesse ist hier der untersuchte Wandel der Umerziehungspolitik. Produzierte man zunächst sehr offensive und anklagende Dokumentationen der Naziverbrechen ("Die Todesmühlen« oder »Deutschland erwache"), so verlagerte sich der Schwerpunkt schnell auf das Produzieren von Kurzfilmen, die eher verspielter »vom Erlernen demokratischer Spielregeln« erzählten.

Das Fazit einzelner Autoren wie Jeanpaul Goergen, Thomas Tode oder Gabriele Clemens den Effekt der Re-education durch Film betreffend fällt 50 Jahre danach insgesamt eher skeptisch aus – und doch scheinen manchmal selbst heute bestimmte Reflexe deutscher Öffentlichkeit dem sehr verwandt, das die Autoren dieser äußerst aufschlußreichen Sammlung thematisch zusammengetragen haben… 1970-01-01 01:00

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