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Filminhalte und Zielgruppen

Dirk Blothner: Filminhalte und Zielgruppen. Berlin 2000. FFA.

Erlebniswelt Kino

Dirk Blothner: Erlebniswelt Kino. Über die unbewußte Wirkung des Films. Bergisch Gladbach 1999. Bastei Lübbe.

Menschen im Kino

Anne Paech, Joachim Paech: Menschen im Kino. Film und Literatur erzählen. Stuttgart 2000. Verlag J.B. Metzler.

Der gläserne Kinobesucher

Elizabeth Prommer: Kinobesuch im Lebenslauf. Eine historische und medienbiographische Studie. Konstanz 1999. UVK Medien.
Von Barbara Obermaier »Die technische Erfindung des Films ahmt nur nach, wie Erlebnisse, Abbilder in den Menschen – immer über ein Gegenbild, das mehr ist als ein Spiegel – seit Tausenden von Jahren entstanden sind.« Vor 15 Jahren plädierte Alexander Kluge in einem engagierten Essay für die Kultivierung von »Zeitorten«, da sie dem zunehmenden und schleichenden Wegfall von Öffentlichkeit einen Ort entgegensetzen, der den immateriellen Neuen Medien fehle (Alexander Kluge: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod. Vorwerk Verlag 1999).

Kluge zeigte in seiner politischen Kritik der »Industrialisierung des Bewußtseins« auf, warum die Faszination Kino beim Publikum anhält und anhalten sollte, und nicht ausgetauscht werden kann oder soll. Vier neue Ansätze zur Publikumsforschung haben zwar nicht die tiefgreifende Dimension der Kluge-Kritik, beschäftigen sich dennoch eingehend mit dem gläsernen Kinobesucher.

1) Dirk Blothner, Psychologieprofessor an der Universität Köln, sieht die Faszination des Kinos darin begründet, daß der Film eine Spiegelung des Seelenlebens ist. Aus dieser Disposition leitet er wirksame Filmthemen ab, die den Grundkomplexen der Seele entstammen und den Filmerfolg ausmachen. Der Erlebensspielraum des Film müsse klar abgegrenzt sein, so daß der Zuschauer in eine konzentrierte Welt seines unbewußten Seelenlebens eindringen und es erfahren kann. Blothner plädiert für die Intelligenz des unbewußten Seelenbetriebes, der nur durch den ganzheitlichen Impact entscheidet, ob ein Film gut oder schlecht ist.

Blothners »motivpsychologische Wirkungsanalyse« untersucht den Film hinsichtlich seiner unbewußten Wirkungsprozesse, des kulturellen Kontext und der filmischen Motive. Gerade in der heutigen Zeit hungert der Zuschauer nach Inhalten, die eine Orientierung im Leben bieten und dabei tiefgehende menschliche Motive anrühren. Blothner teilt sie in 12 Grundkomplexe ein, die er an einer Fülle von Filmen demonstriert. Die zwei Fallstudien zu Lola rennt und »Titanic« scheinen gerade dadurch plausibel zu sein, als Zuschauer und Film sich im Dialog miteinander austauschen können. Vier Wirkungsebenen müssen ineinanderspielen, um Erfolg auszumachen: An erste Stelle setzt Blothner die Werbung für den Film, dann das »Modellieren von Grundkomplexen«, das »Verwandeln« und die »Antwort« durch den Zuschauer.

2) Blothners wirkungspsychologischen Untersuchungen kommen besonders den Praktikern bei der Zielgruppenbestimmung zugute. Denn daß es für die Branche notwendig ist, dem unbekannten Kinobesucher auf den Leib zu rücken, sieht jetzt auch die Filmförderungsanstalt. So erscheinen erstmals unter dem Titel »Filminhalte und Zielgruppen« aktuelle Filme wie »Der Pferdeflüsterer« oder »Titanic« unter dem Analysetisch von Blothner. Die Reihe soll jährlich fortgeschrieben werden.

3) Elizabeth Prommer versucht dem Zuschauer mit Hilfe der Feldforschung näher auf den Leib zu rücken. 96 Personen in Leipzig und München wurden 1995 hinsichtlich ihres Filmlebenslaufes befragt, um den Stellenwert von Film zu erfassen. Obwohl die geringe Anzahl der Fallstudien kaum repräsentativ ist, erstaunen doch einige Entdeckungen. Prommer unterteilt das aktive Publikum in drei verschiedene Nutzungstypen. Die »normalen Kinogänger«, die »Cineasten« und die »spätberufenen Kinofans«. Die Nichtkinogänger, d.h. Ältere und Alte können nur durch ein anspruchsvolles Filmangebot und komfortable Filmtheater gewonnen werden.

Publikumsuntersuchungen gibt es nun schon seit der Geburt des Kinos, die bekanntesten in Deutschland sind die von der FFA in Auftrag gegebenen empirischen Untersuchungen von Neckermann (1979). Eine neuere Motivuntersuchung wurde 1996 von Settele (HFF München) durchgeführt. Neben der Zuschauerforschung führen auch Produzenten und Verleiher Testscreenings durch oder Publikumsbefragungen, um die Kinokampagne zu optimieren. Kurioserweise wurden bereits seit 1946 in den USA sogenannte »applaus-meters« oder »laugh-meters« angewandt. Durchgesetzt haben sie sich nicht.
Neben einem historischen Abriß über das Verhalten des Kinopublikums, das bis heute tatsächlich dem damaligen ähnlich ist, entwickelt Prommer in den medien-biographischen Interviews die These, daß sich die Kinonutzung im Lebenslauf verändert. Kinoverhalten ist dynamisch und hängt sehr mit den individuellen und kulturellen Befindlichkeiten der Zuschauer zusammen. Gerade in der Kinokindheit (bis ca. 8 Jahre) stellt sich die Weiche für ein erfolgreiches Kinoverhalten.

Die als »Cineasten« bezeichnete Gruppe ist in ihrer Kindheit oft in Begleitung von Erwachsenen ins Kino gegangen oder geschickt worden, sie haben weniger Kinderfilme gesehen als Action, Komödien und Western/Indianerfilme. Bei ihnen hatte Film von Anfang an den größten Stellenwert, der rituell ins Leben integriert war. Die »spät berufenen Kinofans« sind durchschnittlich 19 Jahre alt, wenn sie mit ihrer kinointensiven Zeit beginnen und bevorzugen dann Arthouse-Filme. Interessant ist auch die Analyse des Elternhauses. Die Cineasten wuchsen nicht sehr behütet auf. Die spät berufenen Kinofans hatten die am wenigsten behütete Kindheit und nicht besonders strenge Eltern. Die normalen Kinogänger hingegen zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß sie kindgerechte Filme sahen, die wenig Stellenwert besaßen, organisiert ins Kino gingen und sehr strenge Eltern hatten.

In der kinointensiven Phase bis zum 20. Lebensjahr gehen vor allem Jugendliche, die in der Ausbildung stehen und somit in einer beruflichen und lebensanschaulichen Orientierungsphase, davon wiederum eher männliche Jugendliche, ins Kino als »Form sozialen Handelns«. Der Kinobesuch geschieht bei ihnen überwiegend aus Geselligkeit. Der gemeinsame Kinobesuch gibt Anlaß für Gesprächsstoff und lädt zu gemeinsamen Aktivitäten ein. Die wichtigste Erkenntnis der Prommerschen Feldforschung: Das Kinopublikum ist in seiner Gesamtheit dynamisch, schicht- und altersheterogen und hängt vom individuellen Lebenslauf ab. Man geht in erster Linie ins Kino, um auszugehen. Mehr konnten die Befragten nicht sagen. Ein trüber gläserner Kinobesucher!

4) Die Konstanzer Filmforscher Joachim und Anne Paech beschäftigen sich mit einer motiv- und wahrnehmungspsychologischen Unternehmensgeschichte des Kinematographen (von arte herausgegeben mit Unterstützung der Kinowelt AG). Ungemein unterhaltsame und witzige Filmbeispiele, Bilder und Erinnerungen von Schriftstellern erzählen von der Liebe zum Kino. Aber auch hier kommt immer wieder zum Vorschein, daß man ins Kino geht, um keinen bestimmten Film zu sehen. Erinnert wird eher das Erlebnis Kino als der Film (und der Film braucht das Erleben zum überleben) – nach dem Werbemotto der 60er Jahre: »Mach Dir ein paar schöne Stunden, geh ins Kino«.

Nach über 300 Seiten Filmkulturgeschichte auch hier das Fazit: Die Zuschauer wollen ihr Erleben im Spiegel der Leinwand reflektiert finden. Die Veränderung der Sicht auf die Welt, wie sie im Film geschieht, hat bei den glücklichen Besuchern den hohen Stellenwert von eigenem Erleben. Das Kino wird bei Paechs intermedialer Geschichte des Kinobesuches vorgeführt als ästhetisches Spiel, das sich immer mehr in kulturelle Artefakte (Musik, Literatur, Fernsehen, Film) und soziale Öffentlichkeit (Kirche, Krieg, Zivilisation) eingräbt. Das Kino ist nicht erst nach hundert Jahren Teil der Kultur durch den Dialog mit den Zuschauern, der im Filmtheater und im eigenen unmittelbaren Erleben stattfindet. 1970-01-01 01:00

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