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Fremdkörper

Katja Pratschke, Gusztáv Hámos: Fremdkörper – ein Fotoroman. Berlin 2003. Vice Versa Verlag. 144 Seiten. 24,- EUR

Eigenwillig

Von Franziska Nössig Die Bestandteile des Wortes Fotoroman sind tagtäglich genutzte Bezeichnungen, lösen in eben dieser Zusammensetzung aber Verwunderung aus. Denn das Medium Fotoroman ist heute ungewöhnlich. In Ansätzen ist es vielleicht noch als Foto-Love-Story in der Jugendzeitschrift Bravo erhalten. Katja Pratschke und Gustáv Hámos lassen dieses Genre wieder aufleben und gestalten mit »Fremdkörper« ein kurzweiliges, faszinierendes Erlebnis.

Marie, Jan und Jon führen eine Beziehung zu dritt. Nach einem Unfall und einer Operation ist plötzlich der Begriff Identität ein anderer. Die Geschichte hat mehrere Quellen, die Pratschke und Hámos bewußt zitieren: eine indische Legende aus dem 11. Jahrhundert und eine Novelle von Thomas Mann thematisieren den Körpertausch. Der Film »Jules et Jim« von François Truffaut erzählt von einer Dreiecksliebesbeziehung. Als Vorbild des Genres gilt der Fotofilm »La Jetée« von Chris Marker. In Vereinigung dieser Quellen wird »Fremdkörper« zum Mediengeflecht aus Bild, Text und Bewegung.

Der Text kommt leicht und manchmal naiv daher und verstärkt die Aussage der Bilder. Die schwarzweißen Fotographien erzeugen sowohl Distanz zum Gezeigten als auch Einheit, da sie das Tragische zu betonen scheinen. Sie erinnern an Stills der Nouvelle Vague-Filme der 50er und frühen 60er Jahre. Tatsächlich macht der Leser hier sein eigenes Kino, indem er die Fotoseiten umblättert und sie damit in Bewegung versetzt. Außerdem erlaubt ihm das Format des Buches neben dem filmischen sukzessiven Blick eine gleichzeitige Betrachtung mehrerer Perspektiven.

»Fremdkörper« erzählt das Drama von den vertauschten Köpfen von Jan und Jon mit paradox anmutender Leichtigkeit und Ironie. Die medizinischen Betrachtungen sind pseudo-wissenschaftlich. Gerade durch diese Einfachheit setzt sich die angesprochene Thematik im Kopf des Lesers als Fragenkomplex fest: Welcher Teil von uns ist dominant? Gebietet der Körper über den Geist oder trifft das Gegenteil zu? Und: Wie definiert sich Identität? 1970-01-01 01:00
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