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Bildarchive

Ulrike Ottinger: Bildarchive – Fotografien 1970-2005. Nürnberg 2005. Verlag für moderne Kunst. 528 Seiten. 45,- Euro.
Von Wolfgang Beilenhoff Es ist nicht das erste Fotobuch Ulrike Ottingers. Und doch ist es das erste Buch dieser Art. Anders als bei ihren früheren Büchern »Taiga. Eine Reise ins nördliche Land der Mongolen« (1993) oder »Freak Orlando. Kleines Welttheater in fünf Episoden« (1981), Büchern, die im Kontext einzelner Filme standen, liegt hier nun ein Buch vor, dessen Titel eine andere Richtung signalisiert. Allerdings ist mit dem Stichwort »Bildarchiv« kein Archiv im traditionellen Sinne gemeint. Es geht hier eher um ein Sammeln, um eine buchstäbliche Ver-Sammlung von Gesichtern, Landschaften oder ethnographischen Fotos, die, wenngleich partiell im Kontext der Filme entstanden, doch einen ganz eigenen Weg einschlagen. Von Fotographien, die mit einer ungewöhnlichen Sorgfalt und Drucktechnik ihren Ort gefunden haben zwischen den beiden Buchdeckeln und jeden, der dieses Buch aufschlägt, zu einer ungewöhnlichen Reise einladen.

Es ist eine Reise, die, gemäß einer »Dramaturgie der Stationen« (Ulrike Ottinger), Kapitelüberschriften als Stationen ausweist. Und so reisen wir blätternd von »en face« über »theatrum sacrum« und »Farbe« nach »Alltag«.
Befreit vom Diktat begrifflicher Einkreisung (die Bildunterschriften finden sich am Ende des Buchs) entdeckt das Auge Zusammenhänge und Differenzen über unterschiedliche Register. So über das kultureller Topographie. Geradezu spürbar wird hier ein Gestus der Dokumentierung von Orten und Plätzen, die nicht in den Bannkreis der Massenmedien fallen. Plätze wie jene ukrainischen Marktplätze, transitorische Orte, changierend zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Plätze, über die sich zugleich auch ein kritischer Gestus der Autorin manifestiert, indem die Sequenzialisierung ukrainischer mit rumänischen, japanischen oder chinesischen Marktplätzen augenfällig macht, welche Verkümmerung der globalisierende Singular »Markt« darstellt.

Archivierung als Ver-Sammlung von Fotographien findet jedoch auch auf ästhetischer Ebene statt. So im Kontext des Registers »Farbe«, wo das Blau einer chinesischen Thermoskanne, das Blau eines indischen Busses, das Blau der Kleidung mongolischer Reiter oder das Blau eines Mantels bei 20 Grad minus sich kreuzen. Was ist der Ort des Begriffs »Farbe«? Und was Farbe als sinnliche Erfahrung? Ist Blau gleich Blau? Oder hängt nicht alles von jenen Kontexten ab, in denen die Dinge zur Entfaltung kommen? Die Farben nicht minder als die Waren, Gesten oder Riten? Fragen, die verdeutlichen, wie sehr Ottingers »Dramaturgie der Stationen« dazu führt, daß die Ver-Sammlung dieser Fotographien immer auch neue Wege erschließt, um das gegenwärtig kontrovers diskutierte Problem einer Archivierung fotographischer oder filmischer Bilder einer höchst genuinen Lösung zuzuführen, die man mit dem Stichwort »Fluides Archiv« bezeichnen könnte. 1970-01-01 01:00

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