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Claire Denis – Trouble Every Day

Michael Omasta, Isabelle Reicher (Hrsg.): Claire Denis. Trouble Every Day. FilmmuseumSynemaPublikationen. Wien 2005. 156 Seiten. 18,- EUR

Das Fremde und das Eigene

Von Esther Buss Zeitgleich mit der vom Filmmuseum Wien präsentierten Werkschau Claire Denis' im Mai dieses Jahres erschien auch die erste deutschsprachige Publikation über die französische Regisseurin. Der Titel der Monographie, »Trouble Every Day«, verweist dabei nicht nur auf den gleichnamigen Film, ein bizarres Genregemisch aus Film noir, Horror- und Vampirfilm, sondern auch auf Denis' Ausnahmestatus im zeitgenössischen Kino. Denn für Anhänger traditioneller Erzählweisen ist sie in der Tat eine Troublemakerin, und das ist wohl auch der Grund, warum ihre extrem elliptischen wie verstörenden Filme immer seltener den Weg ins Kino finden.

Der von Isabella Reicher und Michael Omasta herausgegebene Band versammelt Aufsätze zu einer ganzen Reihe von Filmen Denis', mehrere Gespräche mit der Regisseurin sowie eine ausführliche Filmographie. Daß das Kino Denis' in erster Linie dem Visuellen vertraut und sich den Bildern geradezu emphatisch hingibt, ist in fast allen Texten ein wiederkehrendes Motiv. Christine N. Brinckmann etwa zeigt in ihrer Untersuchung der Kamera auf (Denis arbeitet fast ausschließlich mit der Kamerafrau Agnès Godard zusammen), daß diese sich nie einer Erzählökonomie unterordnet, sondern als eine Art autonomer Protagonist fungiert. Wie Peter Baxter in seiner Studie zu Denis' Debütfilm Chocolat ausführt, sind die Bilder in diesem Film zwar auf eine sehr direkte, unmittelbar sinnlich erfahrbare Art und Weise lesbar – auch Martine Beugnet spricht in ihrem Text von einem »körperlich anmutenden Gefüge aus Wahrnehmung und Empfindung« – ihrer scheinbar »wörtlichen« Bedeutung ist jedoch nicht wirklich zu trauen.

Die Obsession für Körper und Oberflächen läßt sich in den meisten Filmen Denis' als ein zentrales Prinzip ausmachen und ist Gegenstand des herausragenden Beitrags von Jean-Luc Nancy. Der Philosoph, dessen autobiographischer Essay »L'Intrus« über seine Herztransplantation der Ausgangpunkt für Denis' Film darstellt, befaßt sich in seinem Aufsatz über »Trouble Every Day« mit dem Motiv des Kusses, der die Haut »aufreißt« und damit buchstäblich auch die »Leinwand als Haut des Bildes« sprengt. Nancys Sprache ist dabei ebenso explizit und wuchtig wie die unmittelbare Körperlichkeit in dem von ihm beschriebenen Film. Auch wenn in einigen Texten das »close reading« den Blick auf die Filme dominiert (das zentrale Thema Denis', nämlich das Verhältnis von Eigenem und Fremdem, hätte eine Anbindung an zeitgenössische Theorien – zu etwa Postkolonialismus – sinnvoll gemacht) und der Textband mit seinem mokkafarbenen Einband weniger nach Kino als nach Starbucks aussieht, ist es wirklich gut, daß es nun ein erstes Buch über die Filme Claire Denis' gibt. 1970-01-01 01:00

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