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Peter Lorre – Ein Fremder im Paradies

Michael Omasta, Brigitte Mayr, Elisabeth Streit (Hrsg.): Peter Lorre – Ein Fremder im Paradies. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2004
Von Oliver Baumgarten Es gibt in der Filmgeschichte wohl zahllose Schauspieler, deren eine legendär verkörperte Rolle sie ein Leben lang verfolgt – mal als guter Geist, der ihnen Ruhm und Erfolg beschert, mal als Fluch, der sie sich nicht weiterentwickeln läßt, der dafür sorgt, daß sie auf ewig auch in noch so kleinen Rollen diesen einen Typus werden spielen müssen. Beides hat Peter Lorre erleben müssen. Als Kindermörder Hans Beckert in Fritz Langs »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« wurde er schlagartig international bekannt und von dessen unvergeßlichen Darstellung bis zu seinem Tode immer wieder verfolgt. Nicht nur in seinen Rollen, die stets das Bedrohliche, das Fremde transportierten, sondern auch in seinem Leben selbst. Die Reaktionen auf »M« und Beckert waren es, die ihn ab 1933 ins Exil gehen ließen, Beckert war es, auf den sich Lorre bei seinem bitteren Abschied aus Deutschland berief (er telegraphierte an die Ufa: »Für zwei Mörder wie Hitler und mich ist in Deutschland kein Platz."). Er floh vor den Nazis und auch ein wenig vor dieser Figur, die ihm allerdings später in den USA die Studiotüren zu öffnen vermochte.

Das Exil ist in der deutschsprachigen Filmhistorie seit vielen Jahren ein reizvolles Thema, sei es in der Publikation »Filmexil« des Filmmuseums Berlin oder etwa durch die zahlreichen gelungenen Untersuchungen des Österreichers Michael Omasta, der auch für »Peter Lorre – Ein Fremder im Paradies« wieder als Mitherausgeber fungiert. Ziel ist es dabei immer wieder, Lebensumständen nachzuspüren, die psychologischen Dispositionen der Exulanten mit ihrem künstlerischen Fortkommen in Einklang zu bringen und den persönlichen Aberwitz hinter den bloßen Filmographien zu entlarven.

Die vorliegende in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum entstandene Sammlung von Quellen und Originalbeiträgen zum Leben Peter Lorres dokumentiert dieses Bestreben in aller Deutlichkeit und überzeugt dabei, in schmucken Satz gebettet und reich illustriert, auf hohem Niveau. Historische Dokumente, die etwa Lorres prekäre finanzielle Lage im US-amerikanischen Exil bezeugen, reihen sich an atmosphärisch gestaltete Aufsätze (Brigitte Mayr), profunde Werkanalysen (Gert Gemünden, Georg Seeßlen, Christian Petzold), subjektiv gehaltene Essays (Elfriede Jelinek, Robert Schindel), eine Einordnung in die Popkultur (Christoph Huber) und zeitgenössische Texte (Bertold Brecht, Herbert Ihering, Graham Greene). Dergestalt entfaltet sich ein Bild, das unter bewußtem Verzicht auf Vollständigkeit einen seltenen Reichtum an Ansätzen bietet, um sich dem künstlerischen und privaten Schicksal Peter Lorres zu nähern. 1970-01-01 01:00

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