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Hitchcock – Greenaway – Tarantino

Lutz Nitsche: Hitchcock – Greenaway – Tarantino. Paratextuelle Attraktionen des Autorenkinos. Stuttgart, Weimar 2002. Metzler. 228 Seiten, 30,- EUR
Von Jan-Arne Sohns Kochen Sie gerne nach dem »Scorsese Family Cookbook«? Nein? Dann können Sie Lutz Nitsches Buch über »paratextuelle Attraktionen des Autorenkinos« lesen, ohne sich angegriffen zu fühlen von dieser grimmigen Diskursanalyse, die beschreibt, wie aus Regisseuren Auteurs werden. Nitsches Ansatz ist charmant: Er untersucht das »Beiwerk« eines Films, das nicht Teil des Werkes ist, dieses aber erst zum Werk macht. Credits, Filmtitel, Interview, Trailer oder Drehbuch zum Beispiel. »Paratexte« nennt der Literaturwissenschaftler Gérard Genette solche Schwellen zum Werk.

Nachdem er zunächst die Karriere der Auteur-Theorie ab Truffauts Aufsatz über »Eine gewisse Tendenz im französischen Film« (1954) erschöpfend nachvollzogen hat, wendet sich Nitsche drei Auteurs in Fallbeispielen zu: Hitchcock, Greenaway und Tarantino. Anhand der Selbst-Inszenierung in Filmen demonstriert er, wie das Autorenkino in seinen Paratexten »Authentisierungsstrategien« verfolgt.

Die Beispiele sind klug gewählt. Der scheintote Hitchcock in der Themse (im Trailer für »Frenzy"), seine »anti-diegetischen« Cameos (interpretiert als illusionsbrechende »Signaturen« des Autors) und Greenaways stereotype »Identitätsperformances« in Interviews sind für Nitsches These vom Auteur-Rollenspiel ebenso dankbar wie die Stilisierung Tarantinos zum Markenzeichen eines neuen Hollywood-Autorenkinos. Solide analysiert Nitsche das manchmal Offensichtliche, verkneift sich Anekdoten (leider) weitgehend und führt nebenbei in die Vermarktungsstrategien der Filmindustrie ein. So empfiehlt sich sein umfassend recherchiertes, wenn auch gelegentlich etwas bieder argumentierendes Buch einem breiteren filminteressierten Publikum.

Diskussionsbedürftig ist freilich Nitsches Grundannahme, Autorenschaft im Film sei nicht mehr als ein diskursiv erzeugtes Konstrukt, »eine zentrale Trope in der Zirkulation und Rezeption von Filmen«, mit anderen Worten: ein Verkaufsargument im »Starzirkus der Unterhaltungsindustrie«. An Walter Benjamin und die Kulturkapitalismuskritik Horkheimers und Adornos angelehnt, glaubt Nitsche die »Auratisierung des Regisseurs« durch ein nicht näher bezeichnetes »kulturelles System« entlarven zu können. Daß er das »metatextuelle Kartell« der Cahiers du cinéma, die den Autorengedanken in die Filmtheorie eingeführt haben, schmähen muß, ist die filmhistorisch paradoxe Konsequenz solcher Polemik.

Dabei bleibt offen, wer an die Stelle des Filmautors treten soll: das produzierende Kollektiv? Die viel größeren Stars, die Schauspieler? Nitsches Demythologisierung geht daher nicht glimpflich ab: Die Maske, die er dem Kino vom Gesicht reißen will, ist dessen Schokoladenseite. Und damit vielleicht doch ein Fall fürs Scorsese-Kochbuch. 1970-01-01 01:00

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