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Theater und Schaulust im aktuellen Film

Michael Lommel, Isabel Maurer Queipo, Nanette Rissler-Pipka (Hrsg.): Theater und Schaulust im aktuellen Film. transcript Verlag. Bielefeld 2004. 169 Seiten. 19,80 EUR

Was sind theatrale Kriterien?

Von Daniel Bickermann Um es vorwegzunehmen: Als lose Aufsatzsammlung liefert dieser Band der Uni Siegen einige präzise beobachtete Einsichten in die prägenden Werke des aktuellen westeuropäischen Kinos. Doch leider wollten die Herausgeber zudem mit der »Theatralität« auch noch einen gemeinsamen Stiltrend erkannt haben, was trotz eines über die Strapazierfähigkeit hinaus »erweiterten Begriffs« meist kaum nachzuvollziehen ist.

Sicher, bei Ozon oder de Oliviera mag die Bezeichnung gerechtfertigt sein, aber die meisten hier vertretenen Aufsätze kämpfen spürbar (und erfolglos) mit dem Rechtfertigungszwang, der sich aus dem überambitionierten Titel ergibt. Benignis burlesken Slapstick zum Beispiel auf die commedia dell'arte zurückzuführen (statt auf die offensichtlichen filmischen Vorbilder der 20er Jahre) ist nicht nur ein gewagter Sprung, sondern ignoriert auch ein Jahrhundert Entwicklung von eigenständigen filmischen Konventionen.

Symptomatisch auch die eigentlich sehr sorgfältige Dekonstruktion der intermedialen Effekte von Die fabelhafte Welt der Amélie, die sich nur in einem Punkt schwere Fehler erlaubt – eben bei der Analyse der vermeintlichen »Theatralität« dieses Films. Man spürt die Mühe der Autorin, auch dieses Medium aus den zahlreichen genuin filmischen Einfällen von Jeunet herauszugraben. Es bleibt letztlich hängen an einer Typisierung der Figuren und an sprechenden Gegenständen – aber was daran theatral sein soll, bleibt wohlweislich ein Geheimnis. So finden sich überall im Buch faszinierende Deutungsansätze, die allen Respekt verdienen, im eigentlichen Kernthema aber entweder Inszenierungsformen wie die postmoderne Künstlichkeit der Darstellung kurzerhand zu theatralen Kriterien erklären oder waghalsige Definitionen dessen heranziehen, wie Theater sein sollte, um daraus dann eine Ähnlichkeitsbeziehung zu den jeweiligen Filmen herbeizureden. Äußerst anspruchsvolle Lektüre, die in ihrem Hauptziel scheitert, dabei aber einige durchaus lesenswerte Nebenprodukte hervorbringt. 2008-01-14 17:44

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