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Philosophie des Films

Dimitri Liebsch (Hrsg.): Philosophie des Films. Grundlagentexte. Bonn 2005. Mentis Verlag. 192 Seiten. 19,80 EUR

Ein Gesamtbild der philosophischen Reflexion

Von Lisa Schneider »Aus jedem Besuch des Kinos komme ich bei aller Wachsamkeit dümmer und schlechter wieder hinaus.« So äußerte sich Theodor W. Adorno zum Film und zementierte damit seinen Ruf als reaktionärer Kulturkritiker. Obwohl Adornos Filmverständnis keineswegs auf Polemik dieser Art reduziert werden kann, führte nicht zuletzt seine vernichtende Kritik des Films im Kontext kulturindustrieller »Psychotechnik« zu einer Nichtachtung des Mediums durch die akademische Philosophie in Deutschland.

Da die Kunstfähigkeit des Films spätestens seit Adornos allgemeiner Kulturschelte und Heideggers Technikfeindschaft grundlegend in Frage gestellt schien, hat er insbesondere als Gegenstand einer philosophischen Ästhetik keine nennenswerte Rolle mehr gespielt. Dabei beweist der Blick ins europäische Ausland und in die USA, daß gerade der philosophische Diskurs zum Film aufgrund seiner Vielfältigkeit, der den unterschiedlichen philosophischen Strömungen zu verdanken ist, einen wichtigen Beitrag zur Filmtheorie geleistet hat.

Der Sammelband »Philosophie des Films« macht diese Leistung der Philosophie sichtbar und stellt Grundlagentexte zur Verfügung, in denen Autoren unterschiedlicher Gesinnung zu Wort kommen. Dabei ist es gelungen, ein Gesamtbild der philosophischen Reflexion im 20. Jahrhundert zu zeichnen, das in vielerlei Hinsicht Gegensätze vereinigt: So vermeidet die Textsammlung zum einen eine einseitige Bevorzugung aktueller Positionen, indem etwa mit einem Text von Hugo Münsterberg auch der historische Beginn der Filmdebatte einbezogen wird. Darüber hinaus wird die Rivalität zwischen anglo-amerikanischen und europäischen Philosophen bewußt ignoriert, um stattdessen einen Vergleich der Diskurse zu ermöglichen. Während sich in den USA die Diskussion von der analytischen Philosophie dominiert zeigt, ist sie in Europa u.a. an der Phänomenologie und Semiotik orientiert.

So unterschiedlich der Zugriff auf das Medium sein mag, sollte dennoch deutlich werden, daß der philosophische Diskurs zum Film insgesamt eine Eigenständigkeit gegenüber der Medientheorie oder den Cultural Studies behaupten kann und die Filmwissenschaft daher von einer stärkeren Berücksichtigung philosophischer Theorien profitieren könnte. Nicht zuletzt sei erwähnt, daß schließlich auch die deutsche Philosophie zu ihrem Recht kommt: Stanley Cavell erklärt die Kraft filmischer Bilder ausgerechnet vor dem Hintergrund der Existenzialanalysen Heideggers, der die Menschen bekanntlich lieber auf der heimatlichen Scholle als vor dem Fernseher gesehen hat. 1970-01-01 01:00

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