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Nazis immer besser

Dietrich Kuhlbrodt: Deutsches Filmwunder – Nazis immer besser. Berlin 2006. Konkret Literatur Verlag. 199 Seiten. 15,- Euro
Von Mary Keiser Kuhlbrodt läßt die Katze aus dem Sack: Wir sind Hitler. Fasziniert von der dunklen Seite der Macht genießt das deutsche Publikum in Eichingers Der Untergang Einblicke in die Führerpsyche oder in Guido Knopps Historytainment Details aus dem Leben des berühmtesten Antihelden neben Darth Vader, ob es sich jetzt um seine Krieger, seine Frauen oder sein Geld dreht. »Zur ersten [Hitlers] Helfer-Folge hatten sich ebenso viele Zuschauer eingeschaltet, wie es tote Juden gab, rund 6 Millionen also.« Solche Aussage macht zwar keinen Sinn, erfüllt aber dennoch ihren Zweck: Provokation. Der Staatsanwalt a.D. mit dem Spezialgebiet der Verfolgung von Naziverbrechern spürt nun mit der unmittelbaren Wut eines Zeitzeugen dem Wandel der filmischen Darstellung von Nazis bis heute nach.Humorvoll zynisch kritisiert er das mediale Comeback Hitlers »zum fragwürdigen Star einer 'Ein-Mann-Show'«.

War es in den 50er Jahren noch oberstes Gebot, Nazis böse, aber Soldaten gut hinzustellen, beginnt in den 60ern die Abrechnung mit der Vätergeneration. Bis Dr. Fest das Monster Adolf erschafft, ihn mit sämtlichen NS-Tätern auf den Todesstern verbannt und damit alle anderen entlastet. Entgegengesetzt entfacht Syberbergs »Hitler – ein Film aus Deutschland« die Diskussion über den ewig präsenten Hitler in uns. Die provokanten Filme der 80er von Die tödliche Doris und Christoph Schlingensief wurden der Beachtung in renommierten Feuilletons nicht für wert befunden, aber die nach der Wende aufkommende dokumentarische (Selbst-)Darstellung der Neonazis sorgte für einen Aufschrei allenthalben. Wenn ein Film wie »Beruf Neonazi«, von Linksalternativen gemacht, zunächst hochgelobt, dann als »brauner Werbespot« verpönt und schließlich beschlagnahmt wird, wird auch auf Makroebene deutlich, wie schwer die Deutschen sich nach wie vor damit tun, sich selbst zu verorten. Dagegen stellen nach Kuhlbrodt die Nazi-Dokus und -Filme der späten 90er bis heute geradezu eine Erleichterung dar. Rosenstraße, Napola und Der Untergang zeigen Nazis als Menschen statt Menschen als Nazis, wie z.B. in den Schlingensief-Filmen.

Mit einer beeindruckend vollständigen Recherche zu Filmen und entsprechendem zeitgenössischem Diskurs und nicht zuletzt den amüsanten Anekdoten liefert Dietrich Kuhlbrodt ein dichtes Bild der gesellschaftlichen Atmosphäre, in der die Filme entstanden. Ganz nebenbei enttarnt er das nichtssagende Rechts-Links-Schema und bringt damit den Begriff »Nazi« auf eine andere Ebene. Wenn er dabei »eitel«, »subjektiv«, »hitzig und polemisch« ist, wofür er sich schon im Vorfeld entschuldigt, verzeihen wir ihm das, weil es glänzend unterhält, ohne die Glaubwürdigkeit des Gesagten zu untergraben. 1970-01-01 01:00

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