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Bild – Erinnerung – Identität. Atom Egoyan

Matthias Kraus: Bild – Erinnerung – Identität. Atom Egoyan. Marburg 2000. Schüren Verlag. 320 S.
Von Thomas Waitz Scheint nicht gerade die besondere Qualität der Filme Atom Egoyans auszumachen, daß sie, trotz aller ausgelegten Spuren kühler Konstruktion, doch stets verrätselt bleiben und sich nicht abschließend auflösen lassen? Möglich, daß es genau so verstanden werden muß: Der schiere Überschuß sinnlicher Erfahrungen und eine mitunter verspielte Intellektualität machen Egoyans Filme so faszinierend wie angreifbar. Seine Themen entsprechen zugleich Lieblingsdiskursen der zeitgenössischen Kulturwissenschaft – der Titel von Matthias Kraus' Monographie deutet das bereits an: »Bild – Erinnerung – Identität«.

Der Autor mag Egoyan, das ist seinem Text anzumerken, und es ist wohl auch Voraussetzung. Der jetzt erschienene Band gründet dabei auf einer früheren Publikation unter ähnlichem Titel (in Augen-Blick, Heft 27), die als Beitrag zu einer Auseinandersetzung mit dem Phänomen des kanadischen Kinos gedacht war. Dieser Form der Kontextualisierung fühlt sich Kraus auch weiterhin verpflichtet. Der Band gliedert sich in zwei Teile. Im ersten wird – mitunter etwas weitschweifig – die Situation der kanadischen Filmindustrie und die vermeintlichen Besonderheiten kanadischer Gesellschaftsdiskurse behandelt. »Vermeintlich« deshalb, weil es dem Autor letzlich nicht gelingt, deutlich zu machen, worin denn nun tatsächlich das genuin-kanadische an Phänomenen wie Identität und Differenz liegen mag.

Bisweilen rennt Kraus hier offene Türen ein (das aber mit viel Schwung), etwa, wenn er mühsam herbeiführt, was eigentlich längst ein Gemeinplatz ist, nämlich, daß Identität immer einen subjektiven Konstruktionsprozeß darstellt. Auf der Ebene des Individuums findet dieser Prozeß in Form von Selbsterzählungen statt. Und die narrative Konstruktion ist es ja gerade, die das Thema als filmisches so nahe legt. Im zweiten Teil widmet sich Kraus den acht Spielfilmen Egoyans. Die zuvor gemachten, eher grundsätzlichen Überlegungen finden hier ihre Anwendung. Dieses Konzept geht durchaus auf, auch wenn sich dabei fast zwangsläufig Überschneidungen und Redundanzen ergeben. Die Kapitel, die den einzelnen Filmen gewidmet sind, bewegen sich ausnahmslos auf hohem Niveau, wenngleich sich die aufgeworfenen Perspektiven oftmals auf diejenigen beschränken, die bereits früher ausführlichst zur Sprache gebracht worden sind.

Kraus analysiert scharfsinnig und diffizil, wobei es ihm gelingt, filmsprachliche Mittel so aufzulösen, daß ihre konstitutive Funktion für Elemente und Gestalt der Diegese sichtbar werden. Das versöhnt mit so manchen Umständlichkeiten zu Beginn. »Bild – Erinnerung – Identität« ist eine gleichermaßen kenntnisreiche wie umfassende Studie, die nicht nur das Faszinierende der Egoyanschen Filme auf ideale Weise vermittelt, sondern dies noch mehrt. 1970-01-01 01:00

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