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Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe

Krah, Hans: Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom ‚Ende' in Literatur und Film 1945-1990. Kiel 2004. Ludwig. 416 Seiten. 34,90 Euro

Motivtradition und Motivkontinuitäten

Von Franziska Heller Ein Ende ihrer medialen Verhandlung haben die Geschichten von The Time Machine und »The Planet of the Apes« insbesondere kurz vor der Jahrtausendwende offensichtlich nicht gefunden. Ihre mit der Apokalypse und endzeitlichen Vorstellungen kokettierenden Stories scheinen von solcher Attraktivität, daß die Originale aus den Jahren 1959 bzw.1967 in den 90ern eine Neuauflage erhalten. Umso interessanter ist es nun, wenn Hans Krah sich »von mentalitätsgeschichtlichem Interesse geleitet« sieht, »dem Phänomen des Untergangs der Menschheit in der medialen Phantasie nachzugehen. Dessen Konzeptionen sollen nachgezeichnet und seine Kontexte – strukturell, argumentativ, denkgeschichtlich – aufgezeigt werden«. Krahs Untersuchung verfährt diachron mit Beispielen aus Literatur und Film. So erläutert er die Konstituierung des Diskurses um »Apokalypse und Utopie, Technik und Religion"anhand von Oskar Maria Grafs Roman »Die Erben des Untergangs« (1949).

In detaillierten Analysen beschreibt er weiter die Konsolidierung des Diskurses in den 50er und frühen 60er Jahren u.a. am Film The Time Machine, den er sogar zum »Paradigma« erhebt. In den 60er und 70er Jahren sieht Krah in der weiteren Entwicklung »'Diskurskrisen' und neue Sinnkonstruktionen«. »The Planet of the Apes« (1967) und »Beneath the Planet of the Apes« (1969) werden hier »als gemeinsamer 'Supertext'« betrachtet, wobei Krah das Hadern des Endzeitfilmes als Genre mit sich selbst konstatiert: »Das Zu-Ende-Denken führt zum Ende und damit zur Krise des Diskurses selbst, der so, wie er in den 50er Jahren etabliert wurde, nicht wiederholt werden kann…«. Insofern ist es folgerichtig, wenn Krah in den »Diskursformationen der 80er Jahre« im Film eine »Reinszenierung« ausmacht, die »Komplexe wie Weltordnung, Heldenkonzept, Geschlechterbeziehung […], Symbolisierung …« beträfe. Auch in der Literatur lasse sich ähnliches beobachten: »Das Thema ‚Apokalypse' erhält in den 80er Jahren eine Relevanz, die es bis dahin nicht hatte. […] Textstrukturell ergibt sich allerdings, dass diese neue Relevanz nichts prinzipiell Neues bringt, was Strategien und Motive angeht. […] Es handelt sich um Motivtraditionen, Motivkontinuitäten und Diskursmodalitäten.«

Der Autor geht bei der Analyse seiner Beispiele aus Literatur und Film sehr detailgenau vor. Konsequent verfolgt er seinen methodisch und begrifflich präzise formulierten Ansatz, der erklärtermaßen »dezidiert ein narratologischer« sein will. Allerdings differenziert er ausgerechnet an dieser Stelle nicht – wie etwa Genette unterscheidet – zwischen seinem Verständnis von »Narratologie« als einer thematisch-inhaltsorientierten Disziplin und – so Genette – einer »modalen« Narratologie, die sich auf die Form des Erzählens bezieht. Insofern arbeitet Krah mit der nicht unproblematischen Prämisse, daß »narrative Strukturen […] in ihren zentralen Faktoren generell medienunspezifisch« sind. Genau in diesem Punkt melden sich jedoch medienästhetische Zweifel, die von der Vorstellung genuin filmischer Narrationskonzepte ausgehen. Immerhin verfolgt Krah seinen analytischen Ansatz konsequent. Der begriffliche und strukturelle Argumentationsaufbau der Untersuchung weist kaum Lücken auf. So wird immanent schlüssig die Wahl der Analysekategorien und seines topischen Gegenstandes begründet: »Narrative Strukturen und globale Katastrophe/Weltuntergang ‚koinzidieren' hinsichtlich einer grundlegenden Eigenschaft: Beide basieren konstitutiv auf der (räumlichen, sinnlich erfahrbaren) Welt als ihrer Rahmenbedingung. Sosehr die Katastrophe narrativ im Allgemeinen ist, sosehr lässt sie sich auf einen spezifischen Teilaspekt des Narrativen im Besonderen beziehen.« Der zentrale Aspekt ist hier nach Krah der Raum »nicht nur [im] topographischen Interesse«, sondern eben auch auf der »semantisch-ideologischen« Ebene. In Bezug auf Lotmans Grenzüberschreitungstheorie wird die Thematik von Raum und Grenzen im Verlauf der Untersuchung immer wieder aufgenommen.

Wie schon verdeutlicht, ist Krah um wissenschaftliche Präzision bemüht. Doch manchmal zeigt die Suche nach begrifflichen Singularitäten die Tendenz, den Blick auf den Gegenstand zu verstellen; so etwa, wenn die Konzepte der »apodiktisch-restriktiven Utopie« und der »aporetisch-komplexitätsreduzierende[n] Utopie« einander gegenübergestellt werden.

Viele der Befunde werden im letzten Kapitel »Medien und Katastrophe« rekapituliert und an zentralen Filmbeispielen wie The Time Machine, »The Planet of the Apes« oder »Mad Max – Beyond Thunderdome« zusammengeführt. Zudem werden Literatur und Film auf ihre (im Krahschen Sinne) narratologischen Unterschiede hin verglichen: »Motor und Zentrum der Unterschiede ist die Narration […]. Ein zentraler Unterschied zwischen Film und Literatur dürfte sein, dass in der Literatur die globale Katastrophe weniger ein Genre ausbildet, in dem Sinne, […] dass es geregelte Plotstrukturen gibt. […] …so erscheint der Film in gewisser Hinsicht als stärker begrenzter Diskurs […]: Die Diskurskonstituenten der Literatur sind im Film von der Narration überlagert und verdichtet, wobei die Oszillation durch die symbolische Qualität der Narration ersetzt wird.« Krah resümiert seine Studie mit der Feststellung, dass »die Endzeit in ihrer filmischen/literarischen Form […] selbst eine Hülle« sei, »die als Medium von Botschaften semantisierbar ist. Sie fungiert allerdings nicht primär für Botschaften über die Zukunft und für die Zukunft, sondern dient er Vergewisserung des je Eigenen und der Konsolidierung der ‚Jetztzeit'.«

Aus filmwissenschaftlicher Sicht bereichert Krah die einschlägigen Diskurse wie etwa die Genrediskussion um Argumente, eröffnet jedoch keine grundlegend neuen Perspektiven. So vermittelt er seine Befunde, die narrativen Strukturen von Literatur und Film betreffend, nur bedingt mit den unterschiedlichen ästhetischen Möglichkeiten beider Medien. Erst recht gilt dies für die unterschiedlichen Rezeptionsformen, die für ihn keine besondere Rolle spielen. Wenn Krah als Spezifikum von »Filmstrukturen« eine »kollektive Ebene« ausmacht, die »sich insbesondere an der Symbolisierung des Individuellen« zeige und etwa »Schwangerschaft« als »ein allgemeines Prinzip« für »prozessuales Entstehen« ausgibt, sind hier ein Jean-Louis Baudry und andere Franzosen auf den Plan gerufen, um dem Zusammenhang von einer solchen Symbolisierung und Kino-Dispositiv nachgehen zu können. 1970-01-01 01:00

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