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Geschichte(n)

Hans Krah (Hrsg.): Geschichte(n). NS-Film – NS-Spuren heute. Limes – Literatur- und medienwissenschaftliche Studien Kiel, Bd. 1. Kiel 1999. Ludwig. 224 S.
Von Natalia Lettenewitsch Daß im NS-Staat nicht nur die expliziten Propagandafilme, sondern auch die Unterhaltungsfilme propagandistische Intentionen und Subtexte hatten, ist ein hinreichend bekannter und in der Filmwissenschaft seit Jahrzehnten ausgiebig rauf- und runterdiskutierter Umstand. Daß die Autoren dieses Bandes sich darüber neu ereifern, geschieht nicht nur, um auch der Universität Kiel ihre eigene medienwissenschaftliche Publikationsreihe zu bescheren; sie weisen vielmehr darauf hin, daß gewisse »Ufa-Klassiker«, allem Erkenntnisfortschritt im Elfenbeinturm zum Trotz, weiterhin unreflektiert durch die Fernseh- und Video-Neuverwertungsschlaufe laufen und insofern ein keineswegs nur historisches Phänomen sind.

So folgen sie in einer Zusammenstellung verschiedener Aufsätze den »NS-Spuren«, den Kontinuitäten in Film und anderen ästhetischen Bereichen vom Nationalsozialismus bis heute. Die Analyse mehr oder weniger subtiler NS-Unterhaltungsschinken wird nochmal an ausgewählten Beispielen, die teils solche Neuauflagen erfuhren, von Rabenalt über Harlan bis Rühmann durchexerziert. Den Anmerkungen von Wolfgang Struck zu Quax Rühmann als Pilot über Afrika schließt sich Katja Kirste mit allgemeinen Betrachtungen zur patriotischen Motivik von Fliegerfilmen an, die auch z.B. Ami-Machwerke der Reagan-Ära wie »Top Gun« einschließen – womit nicht die politischen Systeme, sondern die ähnliche Funktionalisierung von Männer-, Heldentum- und Todesmythen verglichen werden sollen (neudeutsche Fernseh-Erzeugnisse wie »Jets – Leben am Limit« würden sich hier auch noch bestens anfügen).

Nach dem Versuch einer Systematisierung der deutschen Komödie von der NS-Zeit bis zum gegenwärtigen Geschlechterjux sowie einer Analyse der ewigen Kultfigur Zarah Leander, sind dann Gegenwartsphänomene wie die heile Schunkel-Volksmusik dran. Gesamtkunstwerk Michael Jackson wird zum Zeicheninventar der NS-Architektur in Beziehung gesetzt, Calvin Kleins und Wolfgang Joops Muskelmänner einmal mehr zu Breker und Riefenstahl. Dem möglichen Vorwurf der Beliebigkeit, mit der diverseste Kulturerscheinungen hier als post-nationalsozialistisch denunziert werden, sind sich die Autoren durchaus bewußt; sie kritisieren ihrerseits die verharmlosende Beliebigkeit und Bedenkenlosigkeit der Popkultur im Umgang mit diesen Zeichen.

Wenn auch all das vor kurzer Zeit schon mal von Georg Seeßlen stilistisch etwas unterhaltsamer in seinem mittlerweile zweibändigen Werk »Faschismus in der populären Kultur« abgehandelt wurde, mögen die z.T. etwas arg universitären und trockenen Aufsätze doch ein weiteres wichtiges Dokument der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Ästhetik des Nationalsozialismus sein. 1970-01-01 01:00

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