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Ernst und Spiel

Thomas Klein: Ernst und Spiel. Grenzgänge zwischen Bühne und Leben im Film. Mainz 2004. Bender Verlag. 267 Seiten. 19,90 Euro.
Von Franziska Nössig Es ist erstaunlich: Jeder kann beschreiben, was ein Film und was Theater ist, doch für eine prägnante Definition des Theaterfilms fehlen die Worte. Thomas Klein geht am Anfang seines Buches nur relativ kurz darauf ein und verdeutlicht damit, daß er sich dem Theaterfilm anders nähern will. Für ihn sind innerhalb des Sujets jene Wechselprozesse interessant, die sich zwischen der Bühne und dem Leben »draußen« abspielen. Ausgehend davon, daß Theater und Realität zunächst stets als voneinander abgegrenzt dargestellt werden, zeigt er Filmbeispiele, in denen sich beide Bereiche vermischen. Die entstandene Verbindung ist, in unterschiedlicher Ausprägung, ein Grenzgang zwischen Theater und »echtem« Leben.

Der Autor stützt sich dabei in erster Linie auf die Theorie von Erving Goffmann, der das Theatermodell verwendet, um gesellschaftliche Interaktionen zu deuten. Er definiert das Theater und die sozialen Handlungen jeweils als einen Rahmen. Klein hat sich nun Filme ausgesucht, die mit diesen Rahmen spielen. In manchen Filmen überwiegt die versuchte Beeinflussung (Klein verwendet hier den Begriff Modulation) der gegebenen Rahmen, in einer zweiten Gruppe ist die Täuschung das zentrale Handlungsmuster.

Diesen komplexen Theorieteil zu verstehen ist gerade zu Beginn des Buches für den Leser eine anspruchsvolle Aufgabe, und sie verleitet schnell dazu, das Buch einfach zur Seite zu legen. Doch die Theorie ist ein notwendiger Bestandteil des als Doktorarbeit konzipierten Buches, und in der Anwendung auf die Filme fällt das Begreifen schließlich leichter. Es macht sogar Spaß, der Argumentation des Autors zu folgen. Die zentrale Fragestellung hat er stets vor Augen, ohne sich ständig zu wiederholen. Für jeden Film gibt er eine kurze Synopsis und erläutert die sozialen und geschichtlichen Umständen. Die Kapitel zu den einzelnen Filmen sind somit nicht nur dogmatische Analyse, sondern ein belebender Ausflug in die Theater- und Filmgeschichte. Thomas Klein geht es nicht um die Behandlung möglichst vieler Filme. Die Auswahl der besprochenen 13 Werke basiert auf der Zielsetzung, Filme zu analysieren, die Musterbeispiele für die erwähnten Grenzgänge zwischen Bühne und Leben sind.

Nicht gänzlich neu, aber dafür logisch und »rund« argumentiert, stellt sich am Ende heraus: Das Theater ist nicht zu trennen von den in der sozialen Realität verorteten Rahmen. Und eine (theatrale) Täuschung kann nur funktionieren, wenn die räumliche Trennung der Getäuschten von der Realität gegeben ist. 1970-01-01 01:00

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